19.03.2019

Wissenschaftler gestalten Zukunft: Tageslicht im Geflügelstall?

Interview mit M.Sc. Alina Uhlenkamp, Hochschule Osnabrück.

M.Sc. Alina Uhlenkamp forscht in der Hochschule Osnabrück, Fakultät für Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur,  zu "Tageslicht im Geflügelstall". Sie hat uns wichtige Fragen zu diesem Thema beantwortet.

 

WING: Laut TierSchNutztV § 13 (3) muss verwendetes künstliches Licht in Geflügelställen dem natürlichen Licht so weit wie möglich entsprechen. Können Sie definieren, was unter „natürlichem Licht“ in der Geflügelhaltung zu verstehen ist?

Tageslichtmessungen haben gezeigt, dass keine allgemeine Definition von natürlichem Licht/Tageslicht möglich ist. Das Spektrum und auch die Intensität des natürlichen Lichts unterscheiden sich zum Teil erheblich, je nach Standort, Tages- und Jahreszeit. Ursächlich hierfür ist die unterschiedlich starke Filterung des Sonnenlichts durch die Atmosphäre und die Vegetation. Trotz Kenntnissen zu den Besonderheiten des Vogelauges und seiner Physiologie (beispielsweise wird UV-A-Strahlung vom Vogel wahrgenommen und trägt zum Helligkeitsempfinden bei), fällt eine Schlussfolgerung über die exakten Anforderungen des Geflügels an das Lichtspektrum schwer. Da Lebewesen, abhängig von ihrer Art, bestimmte Habitate (Lebensräume) bevorzugen, ist jedoch davon auszugehen, dass das vorherrschende Tageslichtspektrum des jeweiligen Habitats den Ansprüchen einer dort heimischen Tierart am ehesten entspricht. Der Vorfahre unserer heutigen domestizierten Hühner (Gallus gallus domesticus), stammt aus dem Dschungel Südostasiens und hat dementsprechend andere Ansprüche an die Lichtverhältnisse als Puten (Meleagris gallopavo), deren natürliches Habitat die Steppen, Waldränder und lichten Wälder Südmexikos sind. Anhand von Tageslichtmessungen wurden daher unterschiedliche Habitats-Spektren für Huhn (HSGG) und Pute (HSMG) errechnet, die sich an den natürlichen Habitaten der jeweiligen Spezies orientieren. Zur Interpretation spektraler Daten von Leuchten ist der Ansatz, diese Habitats-Spektren als Referenz heranzuziehen. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass natürliches Licht eine gleichmäßige Verteilung der radiometrischen Bestrahlungsstärke aufweist und in jedem Fall flackerfrei ist. Diese Eigenschaften müssen auch für die künstliche Beleuchtung erzielt werden. Weiterführende Literatur findet man unter dem Titeln „Tageslicht im Stall - Anforderungen von Lichtquellen an Geflügel“ (DOI 10.2376/0005-9366-16034) und „Beleuchtung und Beleuchtungstechnik im Geflügelstall“
(https://www.dlg.org/fileadmin/downloads/merkblaetter/dlg-merkblatt_438.pdf).


WING: Konnten Ihre Analysen aufzeigen, welche Leuchtmittel eher ungeeignet für die Stalleinrichtung sind?

Je nach Vorschaltelektronik (Treiber, Dimmer…) des Leuchtmittels wird das Licht in unterschiedlichen Frequenzen emittiert. Eine allgemeine Aussage, welche Leuchtmittel in Bezug auf flackerndes Licht eher ungeeignet für die Stalleinrichtung sind, ist daher nicht möglich. Bei Hühnern konnte eine Flimmerfusionsfrequenz, das heißt die Frequenz, ab der das Licht als Dauerlicht wahrgenommen wird, von 119 Hz ermittelt werden. Da von individuellen Schwankungen der Flimmerfusionsfrequenz auszugehen ist, sollten Frequenzen von Stalllampen deutlich über diesem Wert liegen. Für eine Messung der Frequenz haben sich Messgeräte bewährt, bei denen nicht nur die Messwerte, sondern auch der Kurvenverlauf grafisch dargestellt ist. So kann ausgeschlossen werden, dass falsche Frequenzen vom Messgerät angegeben werden.

Keine der bisher untersuchten Leuchten und Leuchtmittel weisen ein Spektrum auf, welches den Habitats-Spektren von Huhn oder Pute entspricht. Insbesondere die Anreicherung des Spektrums mit UV-A-Strahlung erscheint schwierig. Übliche Leuchtmittel (z.B. LED-Retrofit-Produkte) weisen gar keinen UV-A-Anteil auf. Da die spektrale Verteilung der unterschiedlichen Leuchten teilweise große Unterschiede aufweist, sollte darauf geachtet werden, dass die einzelnen Spektren unterschiedlicher Leuchten im Stall möglichst ähnlich sind. Die Lichtumwelt sollte außerdem in jeder Lebensphase vergleichbar sein: Änderungen im Spektrum, beispielsweise zwischen Junghennenaufzucht und Legehennenhaltung, bergen die Gefahr, dass Schwierigkeiten in der erlernten Assoziation (Nahrung, Artgenossen...) aus der Prägungsphase auftreten. Hintergrund ist, dass Objekte in anderen Farben wahrgenommen werden, wenn Bereiche des Spektrums, die zur Wahrnehmung beitragen, nicht emittiert werden.


WING: Welches sind derzeit die wichtigsten Impulse für die Zukunft der Stallbeleuchtung?

Trotz Kenntnissen zu den Besonderheiten des Vogelauges und seiner Physiologie, wurde in der Vergangenheit das Licht in Messgrößen bewertet, die auf dem Sehvermögen des Menschen beruhen (z.B. Lux, Kelvin) und die Lichtumwelt für den Vogel nicht ausreichend beschreiben. Messgrößen zur Beschreibung der Lichtqualität für den Vogel müssen auf das Sehvermögen der Tiere angepasst sein. Derzeit wird seitens der Leuchtmittelhersteller forciert Forschungsarbeit für die Erfüllung der geflügelspezifischen Anforderungen (ausgeglichenes Spektrum mit UV-A-Anteil) aufgewendet. Auch die Bedeutung der Flackerfreiheit von Beleuchtungssystemen im Geflügelstall wurde den Beteiligten in den letzten Jahren zunehmend bewusst. Eine gleichmäßige Helligkeitsverteilung ist technisch nur bedingt realisierbar. Die Erhebung der Helligkeit je nach Funktionsbereich (z.B. Fress-, Ruhebereich) ist ein praktischer Ansatz, da von differenzierten Helligkeitsansprüchen je nach Bereich auszugehen ist.

Frau Uhlenkamp, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zu beantworten!

 

 

Portraitfoto: HS Osnabrück
Legehennenfoto: A.-K. Jacobs, WING

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