12.09.2018

Wissenschaftler gestalten Zukunft: Herausforderungen in der Eiererzeugung und Legehennenhaltung

Interview mit Joy A. Mench, Ph.D., Professor Emeritus, Department of Animal Science, University of California, Davis.

Das WING sprach mit Prof.'in Mench, Ph.D., Professor Emeritus, Department of Animal Science, University of California, Davis, über veränderte Einstellungen in der amerikanischen Gesellschaft zur intensiven Tierproduktion, über die globalen Herausforderungen für die Industrie bezüglich der Haltung von Legehennen sowie über eine weltweit nachhaltige Eierproduktion.

 

Gibt es in den USA durch veränderte soziale Einstellungen in der Gesellschaft Auswirkungen auf die intensive Tierproduktion?

Ja, wir erleben in den Vereinigten Staaten gerade eine große Veränderung in Bezug auf die Produktionssysteme, vor allem für Legehennen, aber auch in gewissem Maß für Schweine und Masthähnchen. Die Hauptursachen sind zweifellos die sich verändernden gesellschaftlichen Erwartungen zum Tierschutz. Ich komme aus Kalifornien, wo vor zehn Jahren ein Gesetz mittels eines Referendums verabschiedet wurde. Durch die Volksabstimmung wurde die konventionelle Käfighaltung für Legehennen in Kalifornien im Wesentlichen verboten (Anm. d. WING: Diese Forderung trat am 1. Januar 2015 in Kraft). Zahlreiche Händler in den Vereinigten Staaten verfolgten den Ausgang des Referendums und entschieden, bis 2020 bzw. 2025 nur noch Eier aus käfigfreier Produktion zu listen. Im November dieses Jahres wird es eine weitere Volksabstimmung in Kalifornien geben, die die Richtung der zukünftigen Eierproduktion mitbestimmen soll.

In den neuen Gesetzen geht es um ein völliges Verbot der Haltung von Legehennen in Käfigen, zudem soll die neue Rechtslage beispielsweise die Einfuhr von Eiprodukten aus Käfigeiern und Schweinefleisch von Schweinen, deren Mütter in Kastenständen gehalten wurden, unterbinden. Dies basiert vor allem auf den Grundlagen einer tiergerechten Haltung, bei der sich die Tiere frei bewegen können.

Ich schätze, dass etwa 99 Prozent der Legehennen in den USA in konventionellen Käfigen untergebracht waren, als ich in diesem Bereich anfing zu arbeiten. Sollten die Händler die bis 2020 oder 2025 angekündigten Veränderungen umsetzen, werden noch immer etwa 70 Prozent der Legehennen, oder weniger, in herkömmlichen Käfigen untergebracht sein. Ferner nimmt die Zahl der Einzelhändler immer mehr zu, die keine Eier aus Käfighaltungen mehr listen wollen. Für die Eierindustrie in den Vereinigten Staaten findet also eine sehr große Veränderung in einer ziemlich kurzen Zeitspanne statt.

Der Prozess wird vor allem durch die amerikanischen Einzelhändler vorangetrieben, weil wir, im Gegensatz zur Europäischen Union, keine föderalen Vorschriften für tierschutzbezogene Produktionsmethoden haben. Zwar haben wir Vorschriften zum Transport und zur Schlachtung von Nutztieren, ironischerweise gelten diese aber nur in geringem Maße und nur in einigen Staaten für Hühner und Geflügel. Es sind also vor allem die Händler, die die zukünftige Ausrichtung vorgeben werden. Und dabei handelt es sich sowohl um die Supermärkte als auch um die Restaurantketten, wie zum Beispiel McDonald's.

Auf die globale Ebene bezogen: Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für die Industrie in Bezug auf die Haltung von Legehennen?

Nun, ich glaube, dass insbesondere der Tierschutz eine große globale Herausforderung sein wird. Derzeit werden in verschiedenen Ländern und Landesteilen eine ganze Reihe von Fragestellungen behandelt, die sich mit der Bedeutung des Tierschutzes für Verbraucher auseinandersetzen. Aber auch insbesondere viele Einzelhändler möchten in den Ländern, aus denen sie ihre Waren beziehen, gleiche Tierschutzstandards haben. Wir konnten dies erst kürzlich bei Hellmanns Mayonnaise beobachten, die flüssige Eier sowie Trockenei verwenden. Die Firma Hellmanns gab bekannt, dass sie ihr gesamtes globales Produktangebot nur noch mit Eiern aus käfigfreier Haltung herstellen wird.

Ich denke, ungeachtet der derzeitigen Verbrauchererwartungen in unterschiedlichen Ländern, dass international agierende Einzelhändler damit beginnen werden, bestimmte Produktionsmethoden oder Standards einzuführen. Auf diese Weise werden sich viele Produzenten in den nächsten 15 oder 20 Jahren abgrenzen wollen. Für die Eierindustrie wird dieser Aspekt sehr bedeutend sein.

Des Weiteren stellt die Vogelgrippe eine Herausforderung für die Branche dar. Und dies nicht nur wegen der verheerenden Krankheit an sich, sondern auch aufgrund der Erwartungen der Verbraucher, die mehr Freilandzugang für die Hennen möchten. Gleichzeitig müssen die Betriebe aber auch dem Seuchenrisiko vorbeugen, das ist eine große Herausforderung.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Aspekte für eine nachhaltige Eierproduktion?

Nun, wir müssen sehr umfassend über Nachhaltigkeit nachdenken. Ganz offensichtlich ist Umweltverträglichkeit ein Thema, auf das sich die meisten Menschen konzentrieren, wenn sie an das Wort Nachhaltigkeit denken.

Darüber hinaus gibt es aber den Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit, der wirklich komplex ist. Er beinhaltet die Erwartungen der Menschen zum Tierschutz ebenso wie die Auswirkungen der Eierproduktion auf den ländlichen Raum sowie auf die Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmer. Das ist für mich ein sehr wichtiges Thema und es wurde bisher mehr als andere Bereiche vernachlässigt. Die Thematik geht somit weit über den Umweltaspekt hinaus.

In einem Projekt, das von einem Konsortium aus Einzelhändlern, NGOs, Eierproduzenten, und somit von ganz unterschiedlichen Gruppen, finanziert wurde, haben wir analysiert, wie nachhaltig Produktionssysteme für Eier sind. Als wir die Grundlagenforschung durchgeführt haben fanden wir heraus, dass es fast keine Forschungen zu den Auswirkungen auf die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter in den verschiedenen Systemen gab.

Es ist von besonderer Bedeutung, dass wir die Auswirkungen aufzeigen und herausfinden, wie wir ihnen begegnen können. Unsere Studie hat unter anderem gezeigt, dass in Systemen mit Einstreu hohe Staubkonzentrationen aufgenommen werden. Wir müssen aufklären, wie die Staubemissionen minimiert werden können. Nur die Aussage zu treffen, dass Systeme mit Einstreu schlecht sind, reicht nicht aus. Meine Intention ist es, wirklich an der Lösung der Probleme zu arbeiten. Wenn wir gesundheitliche Auswirkungen in verschiedenen Systemen aufdecken, können wir sie möglicherweise in anderen Bereichen ganz verhindern. Ich denke, es gibt einige Unbekannte, aber wir müssen anfangen, an ihnen zu arbeiten, um ein nachhaltiges Gesamtsystem zu schaffen.

Wir bedanken uns bei Ihnen herzlich für das interssante Interview!

 

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