16.04.2019

Marktveränderungen, Haltungssysteme und Aviäre Influenza

Ein Bericht von der IEC-Konferenz in Monaco vom 7. – 9. 4. 2019

Hans-Wilhelm Windhorst1

Über 300 Teilnehmer aus 37 Ländern nahmen an der Frühjahrskonferenz der International Egg Commission (IEC) in Monaco teil. Im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen standen Fragen der Veränderungen der Märkte, der anhaltenden Bedrohung durch die Aviäre Influenza (AI) und eine Festlegung des Standards für Haltungsformen in der Legehennenhaltung durch die OIE (Weltorganisation für Tiergesundheit).

Simon Wainwright vom Institute of Grocery Distribution (Watford, UK) befasste sich im Einleitungsvortrag zur Konferenz mit den sich abzeichnenden Veränderungen im Einzelhandel. Er machte deutlich, dass der gesellschaftliche Wandel, Veränderungen in den Wertvorstellungen gerade jugendlicher Konsumenten und technologische Entwicklungen wichtige Herausforderungen für den Lebensmitteleinzelhandel seien. Die wachsende Zahl von Einpersonenhaushalten, die längere Lebensarbeitszeit, das zunehmende Gesundheitsbewusstsein und die fortschreitende Verstädterung mit kleineren Wohnungen hätten veränderte Angebotsformen zur Folge. Trotz der wachsenden Bedeutung des Online-Handels werde auf absehbare Zeit jedoch der direkte Einkauf vorherrschend bleiben. Der Lebensmitteleinzelhandel müsse sich durch eine Anpassung an diese Trends neu positionieren bzgl. der Angebote, deren Präsentation und der Informationen zu den Produkten. Convenieceprodukte, die eine schnelle Zubereitung von Mahlzeiten ermöglichen, würden an Bedeutung gewinnen, ebenso Frischeprodukte. Bei letzteren könne eine stärkere Berücksichtigung regionale Erzeugnisse ein Erfolgsrezept sein.

Veli Nuoluo (Noble Foods, England) stellte überzeugend dar, mit welchen Strategien sich das Unternehmen an die schnellen Marktveränderungen angepasst habe. Durch eine genaue Analyse der zeitlichen Struktur des Eiereinkaufs, der gekauften Mengen und der bevorzugten Haltungsformen von Legehennen habe man eine Dynamik im Angebot entwickelt, die sich an die erwarteten Veränderungen im Einkaufsverhalten im Verlaufe eines Tages bzw. einer Woche anpasse. Durch gezielte Werbung in den sozialen Medien, eine Zusammenarbeit mit Schulen und die Bereitstellung von Unterrichtsmaterialien für Lehrer sei es gelungen, das Konzept „happy hens- tasty eggs“ (Glückliche Hennen – wohlschmeckende Eier) bekannt zu machen und den Absatz deutlich zu steigern. Von großer Bedeutung sei die Schaffung von Transparenz über die gesamte Kette von der Brüterei bis zum Angebot im Laden gewesen. Hierdurch sei bei den Konsumenten ein Vertrauen in die angebotenen Produkte erreicht worden.

Ein Sitzungsblock widmete sich der Ernährung von Legehennen. Robert Easter , Professor an der University of Illinois, erläuterte, wie es gelungen ist, die Sojabohne zum wichtigsten Energieträger in der Geflügelernährung zu entwickeln. Auch wenn in Zukunft die Nachfrage nach Sojamehl deutlich ansteigen werde, könne durch Steigerung der Erträge, die auf Züchtungserfolgen basierten, verbesserte Anbaumethoden und die Verringerung der Nachernteverluste der Bedarf gedeckt werden. Allerdings könne der Klimawandel in einigen der jetzigen Zentren der Erzeugung zu Problemen bei der Wasserversorgung führen. Dies könnten allerdings durch die Ausweitung des Anbaus in bislang klimatisch nicht geeigneten Räumen ausgeglichen werden.

Ein Sitzungsblock, der für die Legehennenhalter in der EU weniger bedeutend ist, befasste sich mit der anstehenden Verabschiedung einheitlicher Standards für die Haltung von Legehennen durch die OIE. Bisherige Entwürfe sehen die Haltung in konventionellen Käfigen nicht mehr als Standard vor. Da bislang jedoch noch etwa 90 % der Legehennen weltweit in dieser Haltungsform eingestallt sind, könnte eine Verabschiedung der Richtlinien für viele Betriebe in den Schwellen- und Entwicklungsländern zu einer Existenzfrage werden.

Am zweiten Konferenztag standen Fragen der Struktur des globalen Eierhandels, möglicher Auswirkungen des Brexit auf die Wirtschaft sowie die ständige Bedrohung durch Ausbrüche der AI im Mittelpunkt.

Hans-Wilhelm Windhorst analysierte in seinem Einleitungsvortrag die Dynamik des Welteierhandels zwischen 2006 und 2016. Er wies darauf hin, dass zwar nur 2,7 % der Welteiererzeugung gehandelt würden, dieser jedoch für eine Reihe von Ländern (z. B. Niederlande, Polen, Türkei, Malaysia) von großer wirtschaftlicher Bedeutung sei. Angesichts der schnellen Bevölkerungszunahme, wachsender Einkommen in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern, die eine verstärkte Nachfrage nach Eiern zur Folge habe, werde in Zukunft der Welthandel weiter zunehmen. An einigen Beispielen analysierte er unterschiedliche Formen von Handelsströmen, z. B. die engen Handelsverflechtungen zwischen den Niederlanden und Deutschland oder zwischen Malaysia und Singapur. Der Aufstieg der Türkei und Polens zu wichtigen Exportländern für Eier wurde erläutert und die deutlichunterschiedlichen Handelsverflechtungen, die einen Wettbewerb in wichtigen Abnehmerländern vermeiden, vorgestellt.

Trevor Willimas, Professor an der University of Derby (UK) machte in seinem Vortrag überzeugend klar, dass der Brexit nur Verlierer kennen werde und die negativen Auswirkungen für das Vereinigte Königreich weitaus größer seien als für die EU. Schon jetzt zeigten sich die wirtschaftlichen Folgen in aller Deutlichkeit. Da man im Vorfeld der Volksabstimmung diese gezielt negiert und Angst geschürt habe, werde die Bevölkerung jetzt umso drastischer mit der sich abzeichnenden Realität konfrontiert. S. E. sei ein erneutes Referendum angezeigt, allerdings sei es schwierig, diesen Schritt auch zu vollziehen.

Alejandro Theirmann (OIE, Paris) gab einen Überblick über den globalen Stand der AI-Ausbrüche. Zwar sei es gegenwärtig sehr ruhig, denn es seien bis Märze 2019 nur sehr wenige neue Ausbrüche in Asien und Afrika zu verzeichnen gewesen. Dies dürfe aber nicht dazu führen, sich in Sicherheit zu wähnen und die Maßnahmen zum Schutz der Bestände zu vernachlässigen. Auf eine Phase einer geringen Aktivität des Virus könne sehr schnell wieder eine Massierung von Ausbrüchen folgen, wie die Ausbrüche in den Jahren 2015 und 2018 gezeigt hätten.

Ross Dean (Versova Farms, USA) stellte in seinem Vortrag eindrucksvoll vor, wie massiv das Unternehmen von dem Ausbruch der AI im Sommer 2015 betroffen wurde. Es verlor etwa 9 Mio. Hennen, was 75 % des Bestandes entsprach. Im Folgejahr wurde dann mit der Entwicklung eines Strategiekonzeptes begonnen, um eine vergleichbare Katastrophe in Zukunft zu verhindern. Mit Millioneninvestitionen wurden bauliche Vorkehrungen getroffen, um einen unkontrollierten Zugang zu den Farmen auszuschließen, Schwarz-Weiß-Bereiche wurden installiert, Desinfektionseinrichtungen für Fahrzeuge errichtet und ein Umfangreiches Schulungsprogramm für Mitarbeiter gestartet. Die Schulungen werden in regelmäßigen Abständen wiederholt und es werden Tests unternommen, um die Einhaltung und die Effizienz der Maßnahmen zur Biosicherheit der Bestände zu überprüfen.

Gwenaelle Dauphin (Ceva, Frankreich) befasste sich im abschließenden Vortrag der Konferenz mit den Vor- und Nachteilen der Impfung gegen AI. Die Impfsituation unterscheide sich weltweit deutlich, so führte sie aus. Während die Mitgliedsländer der EU, die USA, Kanada, Australien und Neuseeland eine Impfung bislang kategorisch ausschlössen, werde gegenwärtig in 28 Ländern gegen das Virus geimpft, außer in Mexiko vor allem in Asien und Afrika. Die Impfung sei ein Erfolg versprechender Weg, um wertvolle Zuchtbestände zu schützen. Flächendeckend werde außer in Mexiko in einer Reihe von Ländern in Südost- und Ostasien geimpft, in denen das Virus endemisch vorkomme und auch eine Bedrohung für Menschen darstelle. Sie machte auch deutlich, dass die Impfung nicht in der Lage sei, das Virus auszurotten, weil es in Wildvogelbeständen weiterhin vorkomme und auch geimpfte Tiere ohne klinische Anzeichen an einer Infektion erkranken und Viren ausschütten könnten. Eine Impfung sei in der Lage, die Ausbreitung des Virus einzudämmen, wenn man Ringimpfungen um befallene Bestände vornehme. In der sich anschließenden Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass eine Impfung in Ländern, die in beträchtlichem Umfang Geflügelfleisch, Eier und Eiprodukte ausführen, undenkbar sei, wolle man nicht hohe wirtschaftliche Einbußen oder sogar ein Zusammenbrechen eines ganzen Wirtschaftszweiges in Kauf nehmen. Deshalb werde es, so Chad Gregory, Präsident der United Egg Producers, in den USA niemals eine Impfung gegen AI geben, weil allein für etwa 3 Mrd. US-$ Hähnchen- und Putenfleisch ausgeführt werde. Nach den massiven AI-Ausbrüchen im Jahr 2015 sei die Möglichkeit einer Impfung zwar diskutierte worden, es seien auch große Impfstoffvorräte angelegt worden, doch habe man sich auf Anwendung der OIE-Praxis beschränkt, nämlich die Räumung befallener Bestände und von Beständen im Nahbereich des Befalls. Auch bei den Ausbrüchen im Jahr 2018 habe man eine Impfung ausgeschlossen.

Tim Lambert (Kanada), Chairman der International Egg Commission, lud die Teilnehmer zur Herbstkonferenz ein, die vom 22. -26. September 2019 in Kopenhagen stattfinden wird.

 

 

1Der Verfasser ist Prof. em. und Wissenschaftlicher Leiter des Wissenschafts- und Informationszentrums Nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING) der Universität Vechta.

 

Fotoquelle: Gill Griffith, April 2019

 


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