14.12.2018

WING Workshop 2018: Campylobacter und Aviäre Influenza

Regina Bartel, freie Wissenschaftsjournalistin

„Campylobacter – eine bislang wenig beachtete Zoonose“ lautete der Titel des diesjährigen WING-Workshops, zu dem am 5. Dezember 2018 ca. 30 Teilnehmende in die Räume von Big Dutchman in Vechta-Calveslage kamen. Neben einem Überblick über den Stand der Forschung zu Campylobacter erhielten die Teilnehmenden auch Einblick in den Umgang der US-amerikanischen Geflügelwirtschaft mit Geflügelpest-ausbrüchen.


„500 Zellen reichen für eine Infektion aus“, erklärte Dr. Daniel Windhorst, Head of Business Unit Poultry, IDT Biologika, beim Campylobacter-Workshop des Wissenschafts- und Informationszentrums Nachhaltige Geflügelwirtschaft und der Hochschule Osnabrück. Schon wenige Bakterien der Gattung Campylobacter verursachen beim Menschen Durchfallerkrankungen. Etwa 74.000 nachgewiesene Fälle wurden 2016 gemeldet, damit kommt den Campylobacter eine weit größere Bedeutung zu als den Salmonellen-Infektionen, von denen im gleichen Zeitraum nur ca. 13.000 festgestellt wurden. EU-weit gibt es geschätzt etwa 9 Millionen Infektionen im Jahr, was zu Krankheitsfolgekosten von etwa 2,4 Milliarden Euro führt. Trotz der Häufigkeit ist das Bakterium den Verbrauchern weitgehend unbekannt: Bei einer Umfrage des TÜV Süd nannten nur 1% der Befragten Campylobacter als Verursacher bakterieller Lebensmittelinfektionen.

Die Campylobacter-Infektion ist eine sogenannte Zoonose. Der Erreger wird von Tieren oder über Lebensmittel tierischen Ursprungs auf Menschen übertragen. Verschiedene Arten von Campylobacter kommen natürlicher Weise im Darm von Geflügel, Rindern und Schweinen vor und auch bei Wildvögeln und Heimtieren sind sie nachweisbar. Hund und Katze, die eng mit dem Menschen zusammenleben, stellen ebenfalls eine mögliche Infektionsquelle dar. Auch Geflügelkot, der auf Eischalen haftet, kann die Bakterien enthalten.

Hauptinfektionsursache ist aber mangelnde Küchenhygiene bei der Verarbeitung von Geflügelfleisch. Vor allem im Sommer, in der Grillsaison, kommen die meisten Erkrankungen vor. Die Bakterien werden vom Geflügel heruntergewaschen, Bakterien spritzen mit Spülwasser oder Fleischsaft auf Geräte oder andere Lebensmittel. Wer Hände, Messer oder Schneidebretter nicht zwischen Arbeitsgängen mit Fleisch und solchen mit z.B. Rohkost wäscht, überträgt damit Bakterien auf Lebensmittel, die nicht erhitzt werden. Campylobacter ist temperaturempfindlich, kann sich aber auch in nicht ausreichend durchgegartem Fleisch halten. In Großbritannien führten gezielte Aufklärungsfilme zur Küchenhygiene, die z.B. den Rat enthalten, Geflügelfleisch nicht zu waschen, dazu, dass die Krankheitsfälle zurückgingen.

„Von der Herstellerseite aus können wir es nur bis in den Einkaufswagen beeinflussen“, stellte Dr. Sophie Kittler, Institut für Lebensmittelqualität und -sicherheit an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, fest. Sie beschrieb, welche Maßnahmen in der Haltung von Geflügel und bei der Schlachtung, den Keim eindämmen. Entscheidend ist ein möglichst geringes Vorkommen der Keime bei den Masthühnern zum Zeitpunkt der Schlachtung. Auch die Abläufe auf dem Schlachthof und die Vertriebsform spielen eine große Rolle, damit die Keimzahlen auf dem verkauften Fleisch möglichst gering sind. Die Temperatur des Brühwassers lässt sich nicht unbegrenzt erhöhen, ohne das Produkt zu verändern. Andere effektiv Bakterien abtötende Methoden wie den Einsatz von Chlorverbindungen oder Gammastrahlen lehnen europäische Verbraucher ab.


Aviäre Influenza

Prof. Hans-Wilhelm Windhorst, Wissenschaftlicher Leiter des WING und WING-Doktorand Harm Böckmann verglichen die Geflügelpestausbrüche der letzten Jahre in Nordamerika mit denen in Deutschland. Hochrisikogebiete mit hoher Dichte an Geflügelhaltung gibt es in den USA und Kanada ebenso wie in Nordwestdeutschland. Der Umgang mit Seuchenausbrüchen ist aber ein gänzlich anderer, ebenso wie sich die Farmstrukturen und Haltungsbedingungen für Puten, Masthühner und Legehennen erheblich unterscheiden. Schon die Tierzahlen erreichen andere Dimensionen: In den USA gibt es Farmen, die mehrere Millionen Hühner halten. Einen solchen Betrieb im Seuchenfall zu räumen, stellt hohe Anforderungen an die Logistik. So werden z.B. Tierkörper entweder im Stall oder draußen kompostiert, da die Masse an Kadavern nicht anders zu bewältigen ist.

Kennzeichnend für die Ausbrüche ab 2004 ist, dass in Nordamerika überwiegend Regionen betroffen waren, die zuvor sehr lange keine Geflügelpest erlebt hatten. Auf den Farmen fehlte das Wissen über diese Tierseuche. Genaue Analysen der AI-Viren, die auf den Betrieben gefunden wurden, zeigten, welcher Stamm jeweils mit Fahrzeugen, Personen, Dienstleistern und sogar Tierärzten von einem Betrieb auf den anderen übertragen worden war. „Nur der Erstausbruch war auf Wildvögel zurückzuführen“, berichtete Prof. Windhorst. Ähnliches ist auch für Ausbrüche in Mitteleuropa anzunehmen. Das Weser-Ems-Gebiet ist mit seiner hohen Dichte an Geflügelbetrieben und zunehmender Freilandhaltung von Legehennenbeständen, ein Risikogebiet für Geflügelpestausbrüche. „Wir haben den Vorteil, dass eine hohe Qualifikation der Tierhalter und gute Voraussetzungen für die Bekämpfung im Fall eines Eintrags bestehen“, sagte Prof. Windhorst.

In Deutschland verlieren die Behörden keine Zeit, wenn ein Fall von Aviärer Influenza auftritt: Die Keulung findet spätestens am Tag nach der offiziellen Bestätigung statt. Anders in den USA. „Schon die offizielle Bestätigung dauert unter Umständen mehrere Tage“, berichtete Harm Böckmann. Für die Keulung eines Riesenbetriebes mit mehreren Millionen Legehennen in Käfighaltung sind dann nochmal einige Tage zu veranschlagen. Es kann zu Verzögerungen kommen, wenn z.B. nicht genug Personal zur Verfügung steht, so dass Räumung und Desinfektion während des Ausbruchs in den USA 2015 im Schnitt erst nach 87 bis 91 Tagen abgeschlossen waren. Bis zur Wiederaufstallung dauerte es mehr als 110 Tage und teils bis zu einem Jahr, weil keine Tiere erhältlich waren, da die Elterntierherden fehlten.

Die deutschen Behörden und die Betriebe sind besser vorbereitet, als es die Kollegen in den USA waren. Doch hier ist in der Vergangenheit die Übertragung von einem Stall zum anderen nicht entgültig aufgeklärt worden. Und so ist Windhorsts Befürchtung: „Meines Erachtens tickt da eine Zeitbombe. Es ist nicht auszuschließen, dass wir uns in den nächsten Jahren wieder eine Infektion einfangen.“

 


 

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