09.10.2018

Brasilien und USA – Kampf um den Weltmarkt für Hähnchenfleisch

Hans-Wilhelm Windhorst*, WING

Schlagwörter: Welthandel; Hähnchenfleisch; Hähnchenfleischerzeugung; Hähnchenfleischexporte; Brasilien; USA; NAFTA-Verträge; Freihandelszone; United States-Mexico-Canada-Agreement

Nachdem die Verhandlungen zwischen den USA, Kanada und Mexiko bzgl. einer Neufassung der NAFTA-Verträge abgeschlossen sind und eine neue Freihandelszone unter der Bezeichnung USMCA (United States-Mexico-Canada-Agreement) geschaffen werden soll, wird erkennbar, welche Bedeutung diese Einigung für die Agrarwirtschaft der USA hat. Der nachfolgene Beitrag zeigt, dass die beiden Partnerländer für die US-amerikanischen Exporte von Hähnchenfleisch besonders wichtig sind, denn etwa ein Viertel der Ausfuhren geht in die beiden Länder.

Der Welthandel mit Hähnchenfleisch ist zwischen 2007 und 2017 von 7,2 Mio. t auf 11,0 Mio. t oder 52,5 % gestiegen. Im Jahr 2007 hatte Brasilien einen Anteil am Handelsvolumen von 40,4 % und die USA von 36,2 %. Die beiden Länder dominierten den Export. Zehn Jahre später hatte sich die Situation deutlich verändert. Der Anteil Brasiliens war auf 34,8 % gesunken und die USA stellten nur noch 27,9 %. Zwar bestimmten die beiden Länder weiterhin den Weltmarkt, jedoch hatten neue Wettbewerber ihre Marktposition deutlich verbessert. Im Jahr 2017 hatte die EU (28) einen Anteil von 11,9 % am Handel mit Hähnchenfleisch, Thailand stellte 6,9 % und der Newcomer Türkei bereits 3,7 %. Auch China trat verstärkt als Mitbewerber auf einem hart umkämpften Markt auf. In diesem Beitrag soll die Rolle der beiden führenden Exportländer einer genaueren Analyse unterzogen werden.

Gegenläufige Dynamik in Produktion und Export

Die Erzeugung von Hähnchenfleisch stieg in den USA zwischen 2014 und 2017 schneller an als in Brasilien und im Weltdurchschnitt (Tabelle 1). Die Differenz im Produktionsvolumen der beiden Länder betrug 2014 4,6 Mio. t, bis 2017 stieg er auf 5,5 Mio. t an. Der Abstand hatte sich also in den vier Jahren um 0,9 Mio. vergrößert.

Tabelle 1: Die Entwicklung der Hähnchenfleischerzeugung in den USA und Brasilien zwischen 2014 und 2017; Angaben in 1.000 t
(Quelle: USDA FAS GATS; ABPA 2018)

Umgekehrt war die Situation bei der Entwicklung der Exporte. Brasilien konnte im betrachteten Zeitraum seine Ausfuhren um 220.000 t steigern während die USA einen Rückgang um 229.000 t zu verzeichnen hatten. Der Unterschied im Exportvolumen erhöhte sich von 789.000 t auf 1,2 Mio. t (Tabelle 2). Die Abnahme der Hähnchenfleischausfuhren der USA im Jahr 2015 war eine Folge der Ausbrüche der Aviären Influenza im Mittelwesten der USA im Sommer 2015. Obwohl keine Masthähnchenbetriebe betroffen waren, kam es durch den Importstopp zahlreicher Länder zu einem Einbruch der Exporte, der noch verstärkt wurde durch das Importembargo Russlands im Gefolge der Krise in der Ukraine. Auch 2017 lag die Ausfuhrmenge noch etwa 230.000 t unter der von 2014. Die leichte Abnahme in Brasilien war ein Resultat der illegalen Absprachen unter den führenden Fleischproduzenten und zahlreicher Korruptionsfälle.

Tabelle 2: Die Entwicklung der Hähnchenfleischexporte der USA und Brasiliens zwischen 2014 und 2017; Angaben in 1.000 t
(Quelle: USDA FAS GATS; ABPA 2018)

 

Unterschiedliche Ausrichtung der Exporte

Die Exportstrategie der beiden führenden Länder ist ausgerichtet auf eine Vermeidung der Beschickung identischer Märkte. Dies wird aus Tabelle 3 erkennbar.

Tabelle 3: Die Ausrichtung der brasilianischen und USA-amerikanischen Hähnchenfleischexporte im Jahr 2017 nach Kontinenten; Angaben in 1.000 t (Quelle: USDA FATUS GATS; ABPA 2018)

* Kanada, Mexiko, USA
** Differenz bereits in den Datenquellen vorhanden

Während die Exporte Brasiliens mit einem Anteil von nahezu zwei Dritteln eindeutig auf Asien ausgerichtet waren, gefolgt von Afrika und Europa, waren die Ausfuhren der USA gleichmäßiger verteilt. Zwar nahm Asien mit 28,3 % eine führende Position ein, doch folgten nahezu gleichauf die beiden amerikanischen Teilkontinente. Der geringe Anteil Europas als Zielregion war und ist eine Folge der Importsperre der EU wegen der Chlordesinfektion der Schlachtkörper und des Importembargos Russlands. Überraschend ist, dass Brasilien nur geringe Mengen nach Zentral- und Südamerika exportierte. Hier hatten die USA vor allem in Zentralamerika und der Karibik weitaus größere Marktanteile. Umkämpfte Märkte sind weiterhin Afrika und Westasien. Hier konnten beide Länder in den zurückliegenden Jahren Marktanteile gewinnen.

Ost- und Westasien standen im Fokus der brasilianischen Ausfuhren

Brasilien führte im Jahr 2017 Hähnchenfleisch in 133 Länder aus, dabei bewegten sich die Exportmengen zwischen etwa 590.000 t nach Saudi Arabien und nur 20 t nach Indonesien. Die eindeutige Ausrichtung auf Länder Asiens wird aus Tabelle 4 ersichtlich. Sieben der führenden zehn Länder waren in Asien gelegen, zwei in Afrika und nur eines in Europa. Trotz der breiten Streuung der Exporte war die regionale Konzentration sehr hoch, denn auf die fünf führenden Länder entfielen 48,1 % der Gesamtausfuhr.

Tabelle 4: Die zehn wichtigsten Zielländer der brasilianischen Hähnchenfleischexporte im Jahr 2017; Angaben in 1.000 t
(Quelle: ABPA 2018)

* Rundungsfehler

Südafrika wurde für Brasilien in den zurückliegenden Jahren zu einem Markt mit wachsender Bedeutung, weil die Ausfuhren aus Mitgliedsländern der EU in dieses Land zunehmend in die Kritik gerieten. Es wurde argumentiert, dass die Exporte zu Dumpingpreisen erfolgten und die Existenz der dortigen Geflügelbetriebe gefährde. Unbeeindruckt von solchen Argumenten nutzte Brasilien konsequent die Marktchance.

Länder Amerikas nahmen die Hälfte der Exporte der USA auf

Auf die weitaus gleichmäßigere Verteilung der US-amerikanischen Ausfuhren wurde bereits hingewiesen. Ein Grund ist der deutlich längere Zeitraum, in dem die USA Hähnchenfleisch ausführten und Marktverbindungen knüpfen konnten, ein anderer die Zugehörigkeit zu NAFTA (North American Free Trade Agreement). Hätten die USA einen Zugang zum aufnahmefähigen EU-Markt, würden sie sicherlich auch hier höhere Marktanteile erreichen.

Tabelle 5: Die zehn wichtigsten Zielländer der US-amerikanischen Hähnchenfleischexporte im Jahr 2017; Angaben in 1.000 t
(Quelle: ABPA 2018)

* Rundungsfehler

Tabelle 5 weist aus, dass die regionale Konzentration der Ausfuhren in den USA geringer war als in Brasilien. Auf die zehn führenden Zielländer entfielen 59,1 % der Exporte, auf die führenden sieben 50.0 %. Der wichtigste Abnehmer für die USA war Mexiko, das nahezu ein Fünftel der Exporte aufnahm. Interessant ist die Entwicklung der Ausfuhren nach China, Hongkong und Russland (Tabelle 6). Bedingt durch das Importembargo konnte kein Hähnchenfleisch mehr nach Russland exportiert werden. Die Ausfuhren nach China nahmen seit 2014 drastisch ab, einerseits bedingt durch die Steigerung der inländischen Produktion, zum anderen durch anhaltende Kontroversen bzgl. der Zölle, mit denen China im Gegenzug zu den USA zahlreiche Produkte belegte. Die Exporte nach Hongkong gingen nach drei Jahren des Anstiegs seit 2017 ebenfalls zurück, weil es Thailand vermochte, dort eine neue Marktposition aufzubauen. Der Ausfall der Exportmöglichkeit nach Russland hatte in den USA verstärkte Anstrengungen zur Folge, in Afrika und Westasien neue Märkte zu erschließen.

Tabelle 6: Die Entwicklung der Hähnchenfleischexporte der USA nach Russland, China und Hongkong zwischen 2014 und 2017; Angaben in 1.000 t (Quelle: USDA FATUS GATS)

Zusammenfassung und Ausblick

Die vorangehende Analyse konnte zeigen, dass der Anteil der beiden führenden Exportländer für Hähnchenfleisch im zurückliegenden Jahrzehnt deutlich abnahm. Diese Entwicklung wurde hervorgerufen durch die Exportsteigerung einiger Mitgliedsländer der EU, Thailands, der Türkei und Chinas. Die Exportausrichtung der beiden Länder unterschied sich grundlegend. Während Brasilien zwei Drittel der Exporte in Ländern Asiens absetzte, waren die Ausfuhren der USA gleichmäßiger auf die Kontinente verteilt. Etwa die Hälfte des Ausfuhrvolumens verblieb allerdings in Ländern Amerikas. Hart umkämpft sind weiterhin die Märkte in Afrika und Westasien, weniger in Ostasien, denn den USA ist es im Gegensatz zu Brasilien bislang nicht gelungen, größere Mengen nach Japan auszuführen. Die EU (28) fällt als Zielregion für die USA weiterhin aus, Brasilien setzte 11 % seiner Exporte in Europa ab.

Es ist davon auszugehen, dass die Hähnchenfleischexporte auch im kommenden Jahrzehnt weiter ansteigen werden weil zahlreiche Entwicklungsländer nicht in der Lage sein dürften, ihren Bedarf aus eigener Erzeugung zu decken. Dies eröffnet sowohl für Brasilien und die USA als auch für weitere Länder Exportchancen. Insbesondere islamisch geprägte Länder dürften ihre Einfuhren ausweiten.

 

 

*Der Verfasser ist Prof. i. R und Wissenschaftlicher Leiter des Wissenschafts- und Informationszentrums Nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING) der Universität Vechta
Foto: A.-K. Jacobs

 


 

Datenquellen und weiterführende Literatur

USDA FATUS GATS: https://apps.fas.usda.gov/Gats/default.aspx.

ABPA: Associação Brasileira de Protéina Animal (Hrsg.): Relatório Anual 2018. Sao Paulo 2018. http://abpa-br.com.br/storage/files/relatorio-anual-2018.pdf.
Windhorst, H.-W.: Brazil: considerable increase of broiler meat and egg production. Part 1:Production. In: Zootecnica international 39 (2017), Nr. 7/8, S. 20-23.
Windhorst, H.-W.: Brazil: considerable increase of broiler meat and egg production. Part 2: Trade. In: Zootecnica international 39 (2017), Nr. 9, S. 20-23.
Windhorst, H.-W.: The U. S. poultry industry in transition. In: Zootecnica international 39 (2017), Nr. 10, S. 18-21.
Windhorst, H.-W.: A projection of the future development of global meat production with special reference to poultry meat. In Zootecnica international 40 (2018), Nr. 9, S. 28-31.

 


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