17.04.2018

Herausforderungen an die globale Eierwirtschaft

- Ein Bericht von der Frühjahrskonferenz der IEC in London -

Hans-Wilhelm Windhorst

Vom 7.–11. April 2018 fand in London die Business Conference der International Egg Commission statt. Etwa 300 Teilnehmer aus 37 Ländern hatten sich zusammengefunden, um sich über die Herausforderungen an die globale Eierwirtschaft zu informieren und mit den Referenten zu diskutieren.

Vor der eigentlichen Konferenz fand am 7. April 2108 bereits eine Veranstaltung mit den Young Egg Leaders statt. Es ist eine Gruppe von 7-10 jungen Frauen und Männern, die bereits in Unternehmen tätig sind und sich auf spätere Führungsaufgaben vorbereiten. Über einen Zeitraum von zwei Jahren werden sie jeweils von der IEC betreut, können an den Konferenzen teilnehmen und werden in Verbindung gebracht mit internationalen Organisationen, die für die Eierwirtschaft von Bedeutung sind, wie FAO, WHO und OIE. Der Berichterstatter hielt einen einleitenden Vortrag zum Thema: Patterns and dynamics of the global egg industry (Strukturen und Dynamik der Welteierwirtschaft).

Tim Lambert (Egg Farmers of Kanada), amtierender Chairman der Organisation, macht in seiner Eröffnungsrede am 9.4. deutlich, dass es einerseits große Chancen für die Eierwirtschaft gebe, weil die Nachfrage nach hochwertigen Proteinen ständig steige, insbesondere in den aufstrebenden Schwellen- und Entwicklungsländern, andererseits jedoch auch nicht zu unterschätzende Risiken und Herausforderungen vorlägen. Sie seien vor allem in der Bedrohung der Bestände durch die Aviäre Influenza, strengere gesetzliche Auflagen im Tier- und Umweltschutz und einer Bedrohung des freien Welthandels zu sehen. Diese Themen standen dann auch im Mittelpunkt der Vorträge.

Den Einleitungsvortrag hielt Jessica Moulton (McKinsey&Co.) zum Thema der tiefgreifenden Veränderungen in der Erzeugung und im Handel mit Nahrungsmitteln. Die Vergangenheit sei vor allem von einer Massenproduktion und einem Massenangebot für die Konsumenten geprägt gewesen. Die Reduzierung der Kosten habe im Mittelpunkt des Systems gestanden, um dem Konsumenten billige Nahrungsmittel anbieten zu können. Seit einigen Jahren ließe sich allerdings eine Krise in diesem alten System erkennen. Die großen Handelsketten verlören an Marktanteilen und kleine Anbieter, die regionale Nahrungsmittel, vielfach aus Bioproduktion, anböten, seien die Gewinner gewesen. Dazu komme weiterhin, dass sich das Einkaufsverhalten der jüngeren Konsumenten deutlich verändert habe. Die Sozialen Medien seien ihre wichtigste Informationsquelle und der Einkauf im Internet für sie inzwischen selbstverständlich. Damit sich die großen Ketten im Markt behaupten könnten, sei es notwendig, so die Referentin, dass sie durch Veränderung ihre Angebotspalette, die Aufnahme funktionaler Lebensmittel, eine Besinnung auf regionale und lokale Anbieter sowie Ausschöpfung des Potentials von Nischenprodukten ihre Marktstellung zu festigen versuchten. Dies könne auch zur Folge haben, dass man Personal mit einer anderen Kompetenz einstellen müsse, dem es gelänge, die neuen Käuferschichten und ihren Anforderungen erfolgreich zu begegnen.

Ein erster Sitzungsblock befasste sich in zwei Vorträgen mit der Frage, wie sich in Zukunft die Nachfrage nach Futtermitteln entwickeln werde. Hier war vor allem der Vortrag von Nan-Dirk Mulder (Rabobank Niederlande) von Interesse. Er machte anhand einprägsamer Tabellen und Grafiken deutlich, dass die Erzeugung von tierischen Nahrungsmitteln und die Nachfrage nach Futtermittel zwischen 2007 und 2014 durch große Schwankungen ausgezeichnet gewesen seien. Die starke Volatilität in den Mais- und Sojabohnenpreisen haben die Tierproduzenten vor große Herausforderungen gestellt und z. T. auch zu beträchtlichen finanziellen Verlusten geführt. Seit 2015 sei die Situation allerdings wieder deutlich stabiler und damit für die Produzenten auch wieder besser planbar hinsichtlich zu tätigender Investitionen.

Detailliert ging er auf mögliche Auswirkungen des eskalierenden Handelskonflikts zwischen den USA und China ein. Gegenwärtig sei die Situation noch entspannt, aber ein chinesischer Einfuhrstopp für Sojabohnen könne weltweite Verwerfungen zur Folge haben. China werde nach alternativen Versorgungsmöglichkeiten suchen, was sich positiv für die südamerikanischen Erzeuger auswirken werde. Dort sei mit Preissteigerungen zu rechnen. Auf der anderen Seite sei in den USA und auch in Europa von geringeren Preisen auszugehen, weil die bislang aus den USA nach China exportierten Mengen im Markt unterzubringen seien. Dies könne eine neue Phase erhöhter wirtschaftlicher Volatilität auslösen.

Der Sitzungsblock am Nachmittag war bestimmt von Themen, die sich mit der Bedrohung durch die Aviäre Influenza (AI) auseinandersetzten. Alejandro Thiermann (OIE, Paris) gab einen Überblick über das Auftreten und die Ausbreitung des Virus zwischen 2013 und Anfang 2018. Insgesamt seien 6.946 Ausbrüche in 68 Ländern zu verzeichnen gewesen, denen 120 Mio. Stück Geflügel zum Opfer gefallen seien, entweder durch Erkrankung oder präventive Tötung. Das größte Problem sei in der ständigen Veränderung des Virus zu sehen sowie dessen leichte Mutation von einer niedrig- zu einer hochpathogenen Variante. Einige der Stämme stellten auch für den Menschen ein hohes Risiko dar, vor allem in Asien und Afrika. Man müsse davon ausgehen, dass die AI auf längere Zeit ein Problem für die Geflügelwirtschaft bleiben werde.

Eine Arbeitsgruppe, die von der IEC angeregt wurde und der Wissenschaftler und Veterinäre angehören, hat einen Richtlinienkatalog erarbeitet, der in verschiedene Sprachen übersetzt wird, um Wege aufzuzeigen, durch eine erhöhte Biosicherheit das Einschleppen und die Verbreitung des Virus zu verhindern.

Arjan Stegeman (Universität Ütrecht) stellte in seinem Vortrag die Möglichkeiten sowie die Vor- und Nachteile einer Impfung gegen AI vor. Eine Impfung gegen das AI Virus sei eine Möglichkeit, um das Gesamtrisiko für die Geflügelwirtschaft zu senken, andere Bekämpfungsmöglichkeiten zu ergänzen und die Freilandhaltung zu ermöglichen. Notwendig dafür seien sichere Impfstoffe, die lizensiert und ihre Wirksamkeit in Feldversuchen gezeigt haben müssten. Darüber hinaus müsse eine Strategie vorhanden sein, die den Ausstieg aus der Impfung beinhalte. Gegenwärtig würden in einigen Ländern Asiens, Afrikas und in Mexiko inaktivierte Impfstoffe verwendet. Sie könnten dazu führen, dass das Virus zwar unterdrückt, aber nicht eliminiert werde. Eine endemische Situation, wie z. B. in Mexiko, könne entstehen, die dann eine fortlaufende Impfung erzwinge. Ein limitierender Faktor für eine Impfung sei in den meisten Ländern in den Auswirkungen auf den Handel zu sehen, weil zumeist über die Länder, die sich zur Impfung entschlossen hätten, ein Ausfuhrembargo verhängt werde.

Der zweite Konferenztag begann mit zwei Vorträgen, die sich mit Strukturen der Eierwirtschaft befassten. Hans-Wilhelm Windhorst (WING, Universität Vechta) stellte die wichtigsten Ergebnisse der für die Konferenz erstellten Studie „The North American egg industry in transition“ vor. Dabei standen Fragen der Entwicklung der Eiererzeugung, der Veränderungen in den Haltungsformen und der Auswirkungen des Ausbruchs der Aviären Influenza im ersten Halbjahr 2015 im Mittelpunkt des Referates.

Peter van Horne (Universität Wageningen) gab einen Überblick über die Gesetzgebung zu den Haltungsformen in der Legehennenhaltung, besonders im Hinblick auf das Tierwohl. Er machte deutlich, dass eine verbindliche Gesetzgebung eigentlich nur in der EU vorliege und es in einigen Ländern sogenannte Codes of Practice gebe (z.B. Kanada, Neuseeland, Australien), in den meisten Ländern der Dritten Welt jedoch bislang keine Ansätze zu einem solchen Vorgehen zu erkennen seien.

Es schloss sich ein Sitzungsblock an, der sich mit Fragen der Nachhaltigkeit der tierischen Erzeugung, insbesondere der Eiererzeugung, befasste. Ignacio Gavilon (Consumer Goods Forum, Frankreich) stellte die Initiativen vor, die von seiner Organisation, der 400 führende Hersteller und Vermarkter von Nahrungsmitteln angehören, unternommen werden, um der weiteren Zerstörung der tropischen Regenwälder und der Feuchtsavannenwälder zu beenden. Es ist das Ziel, ab 2020 keine weiteren Wälder für den Anbau von Sojabohnen oder Ölpalmen mehr zu roden. Dies sei angesichts der daraus resultierenden Konflikte mit der Bevölkerung in den entsprechenden Ländern eine schwierige Aufgabe und nur in Zusammenarbeit mit den Regierungen zu lösen.

In einem weiteren Teil seines Vortrages ging er auf das Problem „forced labour“ (erzwungene Arbeit) ein. Man gehe davon aus, dass gegenwärtig etwa 25 Mio. Menschen unter dieser Form der modernen Sklaverei arbeiten müssten. Die Mitglieder des Consumer Goods Forum hätten eine Resolution verabschiedet, in der sie sich verpflichten, in Zukunft keine Produkte mehr zu listen, von denen bekannt ist, dass sie unter solchen Arbeitsbedingungen hergestellt worden sind. Das Ziel sei es, darauf hinzuwirken, dass die Arbeiter die Möglichkeit haben müssten, sich frei für eine Tätigkeit zu entscheiden, dass sie für ihre Arbeit entlohnt werden und sie nicht durch ihre Arbeit in eine Schuldenabhängigkeit gelangen. Die IEC hat sich dieser Resolution angeschlossen und ihre Mitglieder aufgefordert, entsprechend zu handeln.

Mitglieder der IEC-Arbeitsgruppe Animal Welfare stellten bislang vorliegende Ergebnisse der OIE vor, einen weltweiten Standard zur Haltung von Legehennen zu erarbeiten, der dann auch ISO zertifiziert werden kann. Mit der Verabschiedung dieser Richtlinie wird für das Ende des Jahres 2019 gerechnet. Zwischenzeitlich wird den einzelnen Ländern die Möglichkeit gegeben, Stellungnahmen zum vorliegenden Entwurf abzugeben.

Den Abschluss des Vortragsteils bildete ein Referat von Trevor Williams (vormals Chefökonom der Lloyds Bank, London). Er befasste sich mit den sich abzeichnenden Möglichkeiten, in einer wachsenden Weltwirtschaft erfolgreich zu sein. Er zeigte auf, dass trotz aller Risiken und z. T. auch kriegerischen Auseinandersetzungen die Weltwirtschaft kontinuierlich gewachsen sei. Die Jahre 2016 und 2017 seien die mit dem stärksten globalen Wirtschaftswachstum gewesen. Auch wenn man davon ausgehe, dass in den nächsten Jahren die Wachstumsgeschwindigkeit zurückgehe, werde das Wachstum dazu beitragen, die globale Ungleichheit in der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen den Ländern zu verringern. Dies schließe allerdings nicht aus, dass es innerhalb der Länder zu stärkeren Unterschieden zwischen den Städten und ländlichen Räumen komme. Die Urbanisierung schreite mit großer Geschwindigkeit voran und führe zu einer wachsenden Schicht mit einer höheren Kapitalverfügbarkeit. Dies sei auch eine Chance für die Nahrungsmittelproduzenten, weil diese neue Mittelschicht qualitativ hochwertige und sichere Nahrungsmittel verlange.

Rückblickend kann festgehalten werden, dass die Konferenz sehr stark von globalen Perspektiven bestimmt war. Für die Teilnehmer ist dies einerseits sicher sehr interessant gewesen, andererseits wurde aber auch bemängelt, dass zu wenig praxisrelevante Themen vorhanden waren. Dies sollte bei der Planung weiterer Konferenzen berücksichtigt werden, weil sonst die Gefahr besteht, dass die Zahl der eigentlichen Eierproduzenten, die an den Konferenzen teilnehmen, weiter zurückgeht. Damit würde dann die Zielsetzung der Initiatoren der IEC verlassen werden.

Die nächste Konferenz findet vom 22.-26. 9. 2018 in Kyoto in Japan statt.

 

 

Text: H.-W. Windhorst, WING
Fotos: Alle Fotos wurden uns freundlicherweise von der International Egg Commission  zur Verfügung gestellt.

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