Nachhaltigkeit Geflügel - Geflügelwirtschaft


15.05.2013

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Welternährung, Klimaschutz und Biodiversität:

                     Der Beitrag der modernen, innovativen und hoch
                                        produktiven Landwirtschaft

                                               

                                                  Harald von Witzke*

 

Der mehr als 100 Jahre währende Trend sinkender Agrarpreise ist zu Ende gegangen. Die Jahrtausendwende markiert auch eine Megatrendwende auf den internationalen Agrarmärkten. Seit der Jahrtausendwende sind die Preise agrarischer Rohstoffe tendenziell gestiegen – wie in der Vergangenheit mit deutlichen Schwankungen. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen, da das weltweite Wachstum der Nachfrage die Zunahme des Angebots übersteigt.

Es muss erwartet werden, dass sich die weltweite Nachfrage nach Agrarprodukten in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts mehr als verdoppelt. Hierfür gibt es vor allem zwei Gründe. Der eine ist ein weiterhin außerordentlich rasantes Bevölkerungswachstum. Der andere ist die Folge eines anhaltenden Wachstums der Pro-Kopf-Einkommen in den Entwicklungs- und Schwellenländern.

Der rasch wachsende Bedarf der Welt an Agrargütern kann im Prinzip gedeckt werden durch eine Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzflächen oder durch eine Steigerung der Produktivität auf den bereits genutzten Flächen. Die erstgenannte Option steht allerdings nur sehr eingeschränkt zur Verfügung, denn die Flächen die weltweit für die Agrarproduktion genutzt werden können, sind begrenzt. Die produktivsten Flächen befinden sich bereits in der Nutzung. In vielen Teilen der Welt stehen keine nennenswerten Bodenreserven mehr zur Verfügung, die landwirtschaftlich genutzt werden könnten. Wo es solche Reserven noch in größerem Umfang gibt, wie etwa in Form der tropischen Regenwälder, da sollten diese Flächen nicht in die landwirtschaftliche Nutzung überführt werden aus Gründen des Umwelt-, Arten- und Klimaschutzes.

Was also bleibt ist eine Steigerung der Agrarproduktion vorrangig auf dem Weg des Wachstums der Produktivität. Die Vereinten Nationen schätzen, dass von 2000 bis 2050 90 % des notwendigen Produktionszuwachses das Resultat von Produktivitätssteigerungen sein müssen und nur noch 10% zu Lasten der Flächenausdehnung gehen können.

Ein solches Produktivitätswachstum zu generieren, wird indes außerordentlich schwierig sein, denn seit den Zeiten der Grünen Revolution der 1960er und 1970er Jahre sind die jährlichen Wachstumsraten der Produktivität der Weltlandwirtschaft rückläufig. Von 1960 bis Ende der 1980er Jahre lag der jährliche Produktivitätszuwachs der Landwirtschaft bei etwa 4 %. Er ist inzwischen auf derzeit etwas mehr als 1 % zurückgegangen. In der Europäischen Union, die besonders gründlich das Produktivitätswachstum vernachlässigt hat, liegt dieses gar nur noch bei 0,6 % jährlich. Ein wichtiger Grund hierfür, ist in der Vernachlässigung der Agrarforschung zu sehen, die in vielen der reichen Länder unter dem Eindruck wachsender Überschüsse, beginnend in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, zurückgefahren wurde.

Darüber hinaus wird Wasser weltweit immer knapper und damit teurer, was das Produktivitätswachstum ebenfalls verlangsamt. Hinzu kommt, dass die Preise für Energieträger sich deutlich erhöht haben und diese auch weiterhin hoch bleiben werden, was die Produktion verteuert und, unter sonst gleichen Bedingungen, zu einer Verringerung der Produktion führt. Der Klimawandel wirkt per Saldo in die gleiche Richtung.

Auch die wachsende Konkurrenz um die knapper werdenden natürlichen Ressourcen der Weltlandwirtschaft zwischen der Produktion von Nahrungsgütern einerseits und der von Nichtnahrungsgütern andererseits wird manchmal als Preistreiber angesehen. Dabei wird insbesondere die Bioenergie bisweilen kritisch gesehen. Allerdings gilt das Argument der Ressourcenkonkurrenz gleichermaßen für alle Nichtnahrungsgüter, die auf Flächen angebaut werden, auf denen auch Nahrungsgüter produziert werden könnten, wie etwa Baumwolle, Kautschuk oder Zierpflanzen.

Allerdings wird der quantitative Einfluss der Bioenergie auf das allgemeine Agrarpreisniveau meist überschätzt. Derzeit werden auf etwa 4 % der weltweiten Ackerflächen Nutzpflanzen für die Herstellung von Bioenergie angebaut. Berücksichtigt man die Tatsache, dass die Ausdehnung der Bioenergieflächen zum Teil zu Lasten ehemaliger Stilllegungsflächen gegangen ist und dass bei der Herstellung von Bioenergie auch wertvolle Nebenprodukte (z. B. Proteinfuttermittel bei der Produktion von Biodiesel) anfallen, so wird unter den herrschenden Bedingungen auf dem Weltmarkt, die durch Bioenergie seit der Jahrtausendwende verursachte Anstieg des allgemeinen Agrarpreisniveaus bei etwa 6 % liegen. Der tatsächliche Anstieg lag aber bei mehr als 100 %. Der Anteil der Bioenergieproduktion der EU liegt bei 1,2 % und der Deutschlands bei 0,3 %. Derzeit jedenfalls ist der öffentliche Diskurs um die Produktion von Bioenergie viel Lärm um sehr wenig und er lenkt ab vom zentralen Grund für die Verschlechterung der Welternährungssituation, nämlich dem schleppenden Produktivitätsfortschritt in der Landwirtschaft.

Anders verhält es sich mit dem Preis für Energie. Dieser ist, jedenfalls seit der Jahrtausendwende, zum wichtigsten Bestimmungsfaktor der Agrarpreise auf der Angebotsseite geworden.

Schließlich ist anzuführen, dass die Nachfrage nach Qualitätskomponenten in der Agrar- und Ernährungswirtschaft insbesondere in den reichen Ländern der Welt rasch wächst. Dies bedeutet für die Agrarforschung, dass sie zusätzliche Restriktionen in ihren Bemühungen um die weitere Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität zu beachten hat, nämlich die der Nachhaltigkeit sowie des Umwelt- und Ressourcenschutzes – und dies aus Sicht der Gesellschaft natürlich zu Recht. Aber im Endeffekt bedeutet die Beachtung dieser zusätzlichen Restriktionen, dass das Produktivitätswachstum noch weiter zurückgeht.

 

Tabelle 1: Weltmarktpreise für Agrarprodukte unter alternativen Szenarien (US$/t)

 

Markt

2003/05 2015/17 2015/17 mit 2003/05 Energiepreis 2015/17 mit 2003/05 Bioenergieproduktion
Weizen 158 272 186 237
Mais 106 219 157 158
Sonst. Getreide 91 137 104 129
Ölsaaten 233 492 398 394
Zucker 250 493 326 405

Quelle: von Witzke et al., 2009.

 

Unsere Analysen der Weltagrarmärkten legen es nahe, bereits gegen Ende dieses Jahrzehnts Preise zu erwarten, die im Bereich von 50 % bis 100 % über denjenigen liegen, die Anfang des letzten Jahrzehnts geherrscht haben. Ein solch hohes Agrarpreisniveau würde in der Tat Hunger und Mangelernährung auf der Welt stark ansteigen lassen.

Die Sicherung der Welternährung würde damit nicht nur zu einem zunehmenden humanitären, sondern könnte auch zu einem zentralen sicherheitspolitischen Problem werden. Die Erfahrungen mit den hohen Agrarpreisen 2007-08 und dann wieder in 2010-11 haben gezeigt, das ein solches Preisniveau zu politischen Instabilitäten, Hungerrevolten und anderen Formen der Gewalt führen kann.

Bisweilen wird behauptet, dass die steigenden Agrarpreise und die Preisschwankungen seit der Jahrtausendwende das Resultat von Spekulation auf den internationalen Warenterminbörsen ist. Diese Argumentation ist schon allein aus wirtschafttheoretischen Gründen nicht überzeugend. Unsere Analysen zeigen jedoch auch, dass sich diese sehr gut durch fundamentale Bestimmungsfaktoren von Angebot und Nachfrage abbilden lassen, nämlich vor allem dem Preis von Energie und den Transportkosten.

 

Tabelle 2: Bestimmungsfaktoren des Preisausschlags Januar 2007 – Juni 2008; monatliche Durchschnittspreise für Weizen

Variable %
Ölpreis 29,3
Frachtrate 29,6
Bevölkerung 2,3
Einkommen 2,0
USD/SDR Wechselkurs 7,6
Export Restriktionen 6,1
Produktion -10,7
Produktion von Bioenergiepflanzen 0,1
Gesamt, erklärt, multiplikativ 78,3
Gesamt, beobachtet 77,8

Quelle: von Witzke und Noleppa, 2011.

 

Die zu erwartenden deutlich höheren Agrarpreise erhöhen natürlich auch die Anreize zur Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzflächen. Bereits heute trägt diese durch Entwaldung und das Umwandeln von Gras- in Ackerland mehr zum Klimawandel bei als die weltweite Industrieproduktion.

Wie hier gezeigt wurde, kommt dem Wachstum der Produktivität in der Weltlandwirtschaft eine zentrale Rolle nicht nur im Kampf gegen den Hunger in der Welt zu, sondern auch im Kampf gegen den Klimawandel. Produktivitätswachstum ist darüber hinaus auch zentral für den Erhalt natürlicher Lebensräume und der Biodiversität. Mit anderen Worten: Zur modernen, innovativen und hochproduktiven Landwirtschaft gibt es keine Alternative. Mit einer solchen Landwirtschaft können sich Deutschland, die Europäische Union und die Welt mehr von allem leisten: Mehr Nahrung, mehr Klimaschutz, mehr Bioenergie, mehr natürliche Lebensräume und mehr Biodiversität.

Weiterführende Literatur unter www.hffa.info.

*Der Autor ist Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin und Präsident des Humboldt Forum for Food and Agriculture e. V. und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates des WING


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