Nachhaltigkeit Geflügel - Geflügelwirtschaft


15.05.2013

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Verwendung der männlichen Küken der Legeherkünfte

                                                 Michael Grashorn*

 

 

Hintergrund und Problemstellung

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts dominierte die Zucht von Rassehühnern. Die Zucht war auf die Herausbildung von besonderen Gefiederfarben, Körperformen und Kammformen ausgerichtet, während Leistungseigenschaften (wie z.B. Legeleistung und Wachstumsrate) von zweitrangiger Bedeutung waren. Mit der zunehmenden Industrialisierung und dem hiermit einhergehenden Wohlstand nahm die Nachfrage nach Eiern und Geflügelfleisch ständig zu. Dies führte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts dazu, dass Hühnerrassen gezielt in Richtung hohe Legeleistung (z.B. Weiße Leghorn) oder hohe Wachstumsleistung (z.B. White Cornish) weiterentwickelt wurden. Diese Differenzierung der Zuchtrichtungen war durch die negative Beziehung zwischen Legeleistung (Reproduktion) und Wachstumsleistung erforderlich geworden. Die hier angewendete Reinzucht zeigte allerdings klare Grenzen auf. Die Entwicklung der Populationsgenetik in der Pflanzenzüchtung und die Übertragung dieser Verfahren auf die Geflügelzüchtung in den 1950er Jahren haben maßgeblich zur heutigen Leistungshöhe der Lege- und Masthühnerherkünfte beigetragen. Die Etablierung der Reziproken Rekurrenten Selektion in die Zuchtprogramme ist die Basis der heutigen Hybrid-Legehennen und Masthühner. Mit diesem Verfahren konnte die Legeleistung auf über 300 Eier/Jahr und die Zuwachsleistung auf etwa 1600 g in gut vier Wochen gesteigert werden. Die Zucht auf Mastleistung ist sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Hühnern möglich. Im Gegensatz hierzu ist die Zucht auf Legeleistung mit einer deutlichen Verschlechterung der Wachstumsleistung verbunden. Die Hahnenküken der Legeherkünfte haben im Vergleich zu den Mastherkünften ein deutlich geringeres Wachstum und eine geringere Gesamtfleischmenge. Die Verteilung der Fleischmenge am Schlachtkörper unterscheidet sich gravierend von den Masthühnern. Nachdem der Konsument aber zunehmend fleischreiche, magere Hühnerschlachtkörper nachgefragt hat, konnte kein Markt für die Schlachtkörper der Hähne der Legehybriden entwickelt werden. Daher ist es auch heute noch üblich, die männlichen Küken der Legeherkünfte am Schlupftag zu töten und überwiegend als Raubtierfutter zu verwenden. Diese Vorgehensweise ist zwar ethisch vertretbar, wird aber zunehmend moralisch in Frage gestellt, da hiervon gut 42 Mio. Hahnenküken pro Jahr betroffen sind. Die Geflügelwirtschaft ist sich dieser Problematik bewusst und hat inzwischen neue Anläufe unternommen, die Verwertungswege für die männlichen Tiere der Legeherkünfte zu entwickeln.

 

Lösungsansätze

Die vielfach von Tierschutzorganisationen und auch der ökologischen Erzeugung in die Diskussion gebrachte Zucht eines Zweinutzungshuhns, bei dem die weiblichen Tiere für die Eier- und die männlichen Tiere für die Fleischerzeugung verwendet werden, ist gegenwärtig kein praktikabler Ansatz. Die Legeleistung von Zweinutzungsgenotypen ist deutlich geringer als bei den Legehybriden und das Wachstum der männlichen Tiere bleibt weit hinter demjenigen der Mastherkünfte zurück. In einem globalen Markt lassen sich solche Produktionsverfahren nur bei einer einheitlichen Gesetzgebung durchsetzen. Somit kommen drei andere Wege hierfür in Betracht, die sich kurzfristiger umsetzen lassen: die Erzeugung von 1) Masthähnchen, 2) Jungmasthähnen und 3) Stubenküken.

Masthähnchen: Der Begriff 'Masthähnchen' wird verwendet, um sich vom Standardprodukt 'Brathähnchen' abzugrenzen. Das Produkt Masthähnchen muss am Markt direkt mit dem Brathähnchen konkurrieren. Dies bedeutet, dass vergleichbare Schlachtkörpergewichte erzielt werden müssen. Auf Grund der geringen Wachstumsleistung der Hähne der Legeherkünfte ist somit eine Mastdauer von mindestens 80 Tage anzusetzen, um ein handelsübliches, durchschnittliches Vermarktungsgewicht von 1000-1100 g zu erreichen. Ferner ist zu berücksichtigen, dass die Ausprägung der einzelnen Muskelpartien deutlich geringer und die Haut dünner als beim Standardprodukt sind. Es empfiehlt sich daher die Vermarktung der Masthähnchen als Teilstücke. Dies erfordert eine weitere Verlängerung der Mastdauer, um die Erzeugung der vom Markt geforderten Teilstückgewichte zu ermöglichen. Die Futterverwertung liegt je nach verwendetem Genotyp und gewünschtem Zielgewicht zwischen 2,5 und 3,6 g Futter/g Zunahme. Unter der Voraussetzung, dass die Kosten für das Küken sehr gering sind, müssen vor allem die Futterkosten über den Erlös abgedeckt werden. Unter der Annahme eines zu erzielenden Marktgewichtes von 1,6 kg sind 1 € mehr Futterkosten je Tier zu veranschlagen. Hinzu kommen bis zu 1 € höhere Schlachtstückkosten. Das bedeutet, dass ohne Berücksichtigung der längeren Belegungsdauer der Haltungseinrichtungen je kg verkaufsfähigem Produkt 1,50-2,00 € höhere Kosten zu Grunde zu legen sind.

Jungmasthahn: Nach den Verordnungen EWG 543/2008 und 1234/2007 darf die Bezeichnung Junger Hahn nur für männliche Tiere der Legeherkünfte verwendet werden, die zum Schlachtzeitpunkt mindestens 90 Tage alt sind. Dieses Produkt wird z.B. schon seit vielen Jahren in Oberitalien erzeugt und unter dem Markennamen 'Livornese' vermarktet. Häufig überschreitet die Mastdauer die vorgegebenen 90 Tage, um die vom Markt gewünschten Schlachtkörpergewichte zu erzielen. Für dieses Produkt entstehen auf Grund der längeren Mastdauer noch höhere Kosten als für das Legehybrid-Masthähnchen. Ausgehend von einer Futterverwertung im Bereich von 4,0-4,5 g Futter/g Zunahme erhöhen sich die Kosten je kg verkaufsfähigem Produkt auf 2,50-3,00 Euro. Der Vorteil bei der Vermarktung ist aber darin zu sehen, dass dieses Produkt nicht mit dem Standard-Brathähnchen nach EU-Vermarktungsnormen konkurrieren muss. Es handelt sich um ein Spezialprodukt, für das aber ein Nischenmarkt vorhanden sein muss. Gegenwärtig ist von einem sehr kleinen Markt in Deutschland auszugehen.

Stubenküken: Die Verordnungen EWG 543/2008 und 1234/2007definieren das Produkt Stubenküken als Tier mit weniger als 650 g Schlachtgewicht (auch 650-750 g, wenn jünger als 28 Tage). Bei Stubenküken handelt es sich somit um relativ kleine Schlachtkörper. In der guten, alten Zeit wurden die männlichen Tiere der Legerassen über den Winter unter der Ofenbank im Bauernhaus aufgezogen und dienten dann gelegentlich als Sonntagsbraten. Die heutige Bedeutung des Begriffs unterscheidet sich hiervon deutlich und ist eigentlich für das angebotene Produkt nicht passend. Dennoch ist dies ein anderer Ansatz, die männlichen Tiere der Legeherkünfte zu verwenden. Der wesentliche Vorteil des Produktes ist, dass die männlichen Tiere der Legeherkünfte das Zielgewicht innerhalb von 42 bis 45 Tagen erreichen können, was sich in einer vergleichsweise günstigen Futterverwertung von etwa 2,45 g Futter/g Zunahme niederschlägt. Folgende Vorteile sind mit dem Produkt verbunden: 1) es handelt sich um ein eigenständiges Nischenprodukt, das weder mit dem Brathähnchen noch mit dem Jungmasthahn konkurrieren muss; 2) die kurze Mastdauer ermöglicht eine passable Futterverwertung und reduziert so die Produktionskosten gegenüber den Masthähnchen und dem Jungmasthahn deutlich, 3) die Haltungseinrichtungen werden nur unwesentlich länger belegt als in der kommerziellen Hühnermast. Allerdings müssen auch beim Stubenküken etwa doppelt so hohe Erzeugungskosten wie beim Standardhähnchen angesetzt werden.

 

Bewertung

Die Umstrukturierung der Hühnerzucht in Richtung auf ein Zweinutzungshuhn wird nur als mittel- bis langfristige Lösung angesehen, da hier noch erhebliche Zuchtarbeit erforderlich ist. Solange diese Entwicklung nicht über gesetzliche Rahmenbedingungen forciert wird, wird das Zweinutzungshuhn die bisherigen Legehybriden nicht ersetzen. Für Nischenbereiche, wie extensive und ökologische Erzeugung, wird dagegen eine gewisse Bedeutung erwartet. Die vorgestellten Alternativen Masthähnchen, Jungmasthahn und Stubenküken sind dagegen kurzfristiger umsetzbar und können durchaus interessante Hühnerfleischprodukte liefern. Allerdings liegen deutliche qualitative Unterschiede zu den Standardprodukten vor. Die Fleischpartien sind kleiner und anders ausgeformt, die Fleischfarbe ist dunkler und das Fleisch selber weist eine höhere Festigkeit auf. Die geschmacklichen Eigenschaften unterscheiden sich dagegen nur wenig. Der Genusswert hebt sich somit nicht deutlich vom Standardprodukt ab. Dies erschwert mit Sicherheit die Generierung einer Verbrauchernachfrage. Die Produkte Masthähnchen und Jungmasthahn stehen dabei in direkter Konkurrenz zum Brathähnchen aus der Kurzmast und zu den Teilstücken aus der Normalmast. Bei mindestens doppelt so hohen Erzeugungskosten und den Produkteigenschaften ist dieses Geflügelfleisch auf den derzeit etablierten Märkten kaum wettbewerbsfähig. Im Gegensatz hierzu ist das Stubenküken ein eigenständiges Produkt, das auf Grund der fehlenden Konkurrenzsituation einen begrenzten Markt finden könnte. Aber auch hier sind die Erzeugungskosten je kg Produkt etwa doppelt so hoch, wie für das Standardhähnchen. Diese Mehrkosten können nur über die Vermarktung als Spezialprodukt erlöst werden.

Realisierbarkeit

Zur Verdeutlichung des Potentials der Lösungsansätze kann der rechnerische Anteil der Produkte an dem gesamten, jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch an Hähnchenfleisch herangezogen werden. Basierend auf der Erzeugung von Legehybriden müssten in Deutschland jährlich etwa 42 Millionen männliche Küken gemästet werden. Bei 82 Millionen Einwohnern in Deutschland entfällt im Durchschnitt ein halbes Tier auf jeden Verbraucher/Verbraucherin. Dies bedeutet, dass jährlich 500 g Masthähnchen-, 800 g Jungmasthahn- und 300 g Stubenküken-Produkt verzehrt werden müssten. Dies entspricht 3-7 % des jährlichen Gesamthühnerfleischverzehrs. Die Verwertung der männlichen Tiere der Legeherkünfte erscheint somit als eine lösbare Aufgabe. Allerdings sind erhebliche finanzielle Anstrengungen für die Produkteinführung, Marktentwicklung und Marktpflege erforderlich. Hinzu kommen Investitionskosten für den Aufbau der Infrastruktur der neuen Produktionsform. Diese Kosten können nicht von den Produzenten dieser Spezialprodukte getragen werden, da der dann erforderliche Verkaufspreis im Markt nicht durchsetzbar wäre. Das heißt, dass der Aufbau der alternativen Verwertung der männlichen Küken der Legehybride über einen anderen Weg cofinanziert werden muss.

 

* Der Autor ist apl. Prof. für Nutztierethologie und Kleintierzucht an der Universität Hohenheim und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates des WING

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