Nachhaltigkeit Geflügel - Geflügelwirtschaft


22.04.2016

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Die wirtschaftlichen Folgen der AI-Ausbrüche in den USA im Jahr 2015

- Eine abschließende Bilanz -

Hans-Wilhelm Windhorst1

Die zwischen Ausbrüche der Aviären Influenza, die zwischen April und Juni 2015 in den nördlichen Staaten des Mittelwestens auftraten, hatten wirtschaftliche Verluste im Umfang von etwa 3,3 Mrd. US-$ zur Folge. Nachdem die Statistiken zur Entwicklung der Legehennenhaltung, der Eierproduktion und des Außenhandels mit Geflügelprodukten für das Jahr 2015 vorliegen, lassen sich die eingetretenen Verluste und Kosten recht präzise erfassen. In diesem Beitrag soll eine abschließende Bilanz vorgelegt werden.

 

Ausbrüche und getötete Bestände

Durch die 223 Ausbrüche des hochpathogenen Virus H5N2 wurden in den USA insgesamt 48,1 Mio. Stück Geflügel getötet, dies schließt präventive Keulungen ein. Davon entfielen 40,6 Mio. auf Lege- und Junghennen und 7,5 Mio. auf Puten. In besonderem Maße betroffen waren die Staaten Iowa und Minnesota, wie man aus Tabelle 1 entnehmen kann.

Tabelle 1:
Die fünf Staaten der USA mit der größten Zahl an AI-Ausbrüchen und getöteten Tieren im Jahr 2015 (Quelle: USDA, APHIS)

 

Nach Auswertungen des Animal and Plant Health Inspection Service (APHIS), einer Abteilung des Landwirtschaftsministeriums der USA, konnten etwa 10 % der Ausbrüche auf Infektionen durch Wildvögel zurückgeführt werden, 90 % hatte andere Ursachen, z. B. Kontakte durch Besucher, gemeinsame Nutzung von Geräten und Maschinen, Transporte von toten Tieren durch Lastkraftwagen, Schadnager und Windverdriftung der Viren. Diese Auflistung zeigt, dass die vorhandenen Vorsorgemaßnahmen der Betriebe hinsichtlich der Einschleppung und Ausbreitung des Virus offensichtlich unzureichend waren.

Auswirkungen auf die Legehennenbestände und die Eierproduktion

Die Legehennenbestände der USA nahmen zwischen 2011 und 2014 um 22 Mio. Stück zu, wobei dies vor allem aus der Aufstockung bei Hennen zur Konsumeiererzeugung resultierte. Ursache für diese Dynamik waren die vergleichsweise hohen Eierpreise in der ersten Hälfte des Jahres 2014. Im Folgejahr gingen dann die Bestände als Folge der Ausbreitung der Aviären Influenza um 26,4 Mio. Stück oder 8,4 % zurück. Besonders stark war der Einbruch in Iowa mit 23,7 Mio. Hennen, was einer relativen Abnahme um 23,2 % entsprach. Hohe relative Abnahmeraten wiesen auch South Dakota und Nebraska auf.

Tabelle 2:
Die Entwicklung der Legehennenbestände in den USA zwischen 2010 und 2015; Angaben in Mio. Hennen (Quelle: USDA , NASS: Chicken and Eggs, verschiedene Jahrgänge)

Tabelle 3:
Entwicklung der Legehennenbestände zwischen 2014 und 2015 in den von den AI-Ausbrüchen im Jahr 2015 besonders betroffenen Staaten; Angaben in 1.000 Hennen (Quelle: USDA, NASS: Chicken and Eggs, February 2016)

Der starke Rückgang in den Bestandszahlen wirkte sich erwartungsgemäß auf die Eierproduktion aus. Die Erzeugung von Konsumeiern nahm zwischen 2014 und 2015 um 5 Mrd. Stück oder 5,7 % ab. Am stärksten betroffen war wiederum Iowa. Hier ging die Erzeugung um 4 Mrd. Stück zurück, was etwa 80 % des Produktionsrückganges in den USA entsprach. Ähnlich hoch wie in Iowa waren auch die relativen Abnahmeraten in Nebraska und South Dakota (Tabelle 4). Wie verheerend sich die AI-Ausbrüche auf die Eierproduktion Iowas auswirkten lässt sich aus Tabelle 5 entnehmen. Im Vergleich zu den Vorjahresmonaten sank das Produktionsvolumen im Jahr 2015 um bis zu 47 %. Etwa 85 % der getöteten Legehennen entfielen auf Bestände zur Erzeugung von Eiern zur Weiterverarbeitung. Die Folge war, dass diese Unternehmen nicht in der Lage waren, ihren vertraglichen Lieferverpflichtungen nachzukommen, was weit reichende Auswirkungen auf den Außenhandel mit Eiprodukten hatte.

Tabelle 4:
Entwicklung der Eierproduktion zwischen 2014 und 2015 in den von den AI-Ausbrüchen im Jahr 2015 besonders betroffenen Staaten; Angaben in Mio. Stück
(Quelle: USDA, NASS: Chicken and Eggs, Annual Summary 2015)

Tabelle 5:
Entwicklung der monatlichen Konsumeierproduktion zwischen April und Dezember 2015 im Vergleich zu 2014 in Iowa; Angaben in Mio. Stück
(Quelle: USDA, NASS: Chicken and Eggs, Annual Summary 2015)

Die Auswirkungen auf die Putenerzeugung lassen sich am besten über die Veränderungen bei den Schlachtzahlen erfassen, weil wegen der Hennen- und Hahnenmast unterschiedliche Umläufe pro Jahr erfolgen und die Stallplätze deshalb wenig aussagekräftig sind.

Die Anzahl der geschlachteten Puten sank im am stärksten betroffenen Staat Minnesota um 5,7 Mio. Tiere oder 12,1 %, in Indiana um 1,1 Mio. Stück oder 5,0 %. Die Einbrüche waren geringer als in der Eiererzeugung, weil nach Reinigung und Desinfektion der Stallanlagen eine schnellere Wiederbelegung möglich war als bei den Legefarmen.

 

Finanzielle Verluste und Kosten

Die direkten Verluste aus den AI-Ausbrüchen beliefen sich in Iowa auf 1,25 Mrd. US-$, dies umfasst den Wert der getöteten Tiere, der nicht mehr zu vermarktenden Produkte (Eier und Fleisch) sowie die Ausfälle von Löhnen und Steuern. In diesem Staat gingen 8.444 Arbeitsplätze verloren. In den gesamten USA waren es 15.539 Arbeitsplätze und die Verluste erreichten einen Wert von 2,6 Mrd. US-$ (Tabelle 6). Rechnet man die Kosten für die Reinigung, Desinfektion und Beseitigung der toten Tiere hinzu, was auf etwa 700 Mio. US-$ geschätzt wird, summieren sich die finanziellen Verluste auf ein Volumen von 3,3 Mrd. US-$.

Tabelle 6:
Finanzielle Verluste durch die AI-Ausbrüche im Jahr 2015 in Iowa und den USA; Angaben in Mio. US-$ (Quelle: Decision Innovation Solutions 2015a, b)

Die betroffenen Betriebe erhielten von der Bundesregierung eine Entschädigung für die getöteten Tiere und die nicht mehr vermarktbaren Produkte. Darüber hinaus wurden die Kosten für die Reinigung und Desinfektion übernommen. Keine Entschädigung erhielten die Hersteller von Mischfutter und Eiprodukten. Es liegen noch keine Übersichten vor über deren finanzielle Einbußen vor.


Auswirkungen auf den Außenhandel mit Geflügelprodukten

Im Gegensatz zum Außenhandel mit Eiern und Eiprodukten, der nur zwischen 2 % und 3 % der gesamten Eiererzeugung ausmacht, spielen die Ausfuhren von Hähnchen- und Putenfleisch für die USA eine große Rolle. Die Exporte von Eiprodukten nahmen wegen der Bestandseinbrüche bei einigen Unternehmen der Eiproduktenindustrie um 38,5 % ab. Um den Inlandsbedarf zu decken wurden die Einfuhren von Eiprodukten und Eiern zu Weiterverarbeitung gestattet. Aus den Niederlanden wurden 2015 etwa 20.000 t Eipulver importiert, der Umfang der eingeführten Eier zur Weiterverarbeitung stieg von 161 Mio. im Jahr 2014 auf 864 Mio. im Folgejahr an.

Von den 17,1 Mio. t Hähnchenfleisch, die im Jahr 2014 in den USA erzeugt wurden, gingen 3,1 Mio. t oder 18,4 % in den Export. Tabelle 7 zeigt, dass die Ausfuhren im Folgejahr auf 2,7 Mio. t fielen, was einer Abnahme von 13,5 % entsprach. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Masthähnchenproduktion, die vor allem in den Staaten am mittleren Atlantik und im Südosten konzentriert ist, gar nicht von den AI-Ausbrüchen betroffen war. Weil 30 Länder die Importe jeglicher Geflügelprodukten aus den USA untersagten, gingen die Ausfuhren stark zurück und führten zu hohen finanziellen Einbußen bei den führenden Unternehmen. Noch stärker waren die Einbrüche beim Export von Putenfleisch, was sich aus den zahlreichen Ausbrüchen in Minnesota erklärt, eines der Zentren der US-amerikanischen Putenhaltung. China und Japan schlossen ihre Grenzen für Putenfleisch vollständig, weitere Länder reduzierten ihre Einfuhren, so dass die Exporte insgesamt um 33,8 % zurückgingen. Der Anteil der Putenfleischexporte an der Gesamterzeugung erreicht allerdings nur 11,2 %.

Tabelle 7:
Auswirkungen der AI-Ausbrüche im Jahr 2015 auf die Exporte von Geflügelprodukten
(Quelle: USDA, FATUS)


Konsequenzen und Perspektiven

Die große Zahl von Ausbrüchen innerhalb von nur zehn Wochen und deren räumliche Verdichtung machen deutlich, dass die Betriebe keine hinreichenden Schutzmaßnahmen gegen die Einschleppung des aggressiven Virus installiert hatten. Untersuchungen des APHIS (2015a) haben gezeigt, dass vor allem in den Putenmastbetrieben die von den Vertragsunternehmen (Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe) entwickelten Strategiekonzepte nicht vollständig umgesetzt worden waren, was die Erstinfektionen erklärt. Ganz offensichtlich waren die Betriebsleiter auch nicht ausreichend über die Ausbreitungsmechanismen und mögliche Übertragungswege informiert, was zu den schnellen Sekundärinfektionen führte.

Aber auch die führenden Unternehmen in der Erzeugung von Eiprodukten hatten keine Notfallpläne entwickelt für den Ausbruch der Aviären Influenza in den Großbeständen mit mehreren Millionen Tieren. Dies hatte die langen Zeiträume zur Folge, die verstrichen, bis die Farmen geräumt waren. Es lagen auch keine Pläne vor, wie die Stallanlagen nach Räumung gereinigt und desinfiziert werden könnten, was dazu führte, dass z. T. mehr als ein halbes Jahr verstrich bis zur Wiedereinstallung (vgl. dazu auch Windhorst 2015).

Ganz offensichtlich waren auch die Aufsichtsbehörden auf der Ebene der Counties (vergleichbar den deutschen Landkreisen) und der Einzelstaaten nicht ausreichend vorbereitet hinsichtlich der Beseitigung der getöteten Tiere, was zu weiteren zeitlichen Verzögerungen führte. Dazu kam, dass Medienberichte zu einer Verunsicherung der Bevölkerung führten, so dass z. B. der Gouverneur des Staates Nebraska eine Verfügung erließ, die den Transport der toten Legehennen und Mastputen auf öffentlichen Straßen untersagte, was die Unternehmen zwang, die Tiere vor Ort zu kompostieren oder zu vergraben (Foto 1 und 2).

Foto 1:
Kompostierung von durch einen AI-Ausbruch getöteten Puten im Stall
(Quelle: Wing Fotosammlung)

 

Foto 2:
Vergraben von durch einen AI-Ausbruch getöteten Legehennen (Quelle: Wing Fotosammlung)

Diese und weitere Probleme führten zur Entwicklung neuer Strategiekonzept, die das Ziel haben, einen Ausbruch in der Dimension des Jahres 2015 zu verhindern. Die Einzelbetriebe wurden verpflichtet, Schutzmaßnahmen gegen die Einschleppung und Ausbreitung der Aviären Influenza zu installieren, das Betriebsgelände und Stallanlagen gegen unberechtigtes Betreten von Fremdpersonen zu schützen, in den Ställen Hygieneschleusen einzurichten und Notfallpläne für den Fall eines Ausbruchs vorzuhalten. Die großen Unternehmen in der Legehennenhaltung mussten darüber hinaus Pläne entwickeln hinsichtlich der schnellen Bestandsräumung, Reinigung und Desinfektion der Stallanlagen sowie der sicheren Entsorgung der toten Tiere.

Das APHIS erließ am 18. 9. 2015 eine Verfügung, die verlangt, dass die Tiere in einem von der Aviären Influenza befallenen Bestand innerhalb von 24 Stunden, maximal 48 Stunden, getötet werden müssen, um eine weitere Vermehrung und Ausbreitung der Viren zu verhindern USDA, APHIS 2015b). Ist dies mit CO2 bzw. CO2-Schaum in dem gesetzten Zeitrahmen nicht möglich, muss die Lüftung abgestellt werden (ventilation shutdown). Dies führt zum Tod der Tiere zwischen 20 Minuten und 2 Stunden. Diese Maßnahme ist zwar nicht unumstritten, wird jedoch auch von den meisten Tierschutzorganisationen in den USA als letzte Möglichkeit akzeptiert, um einen weitere Ausbreitung der Viren zu verhindern.

Eine andere Möglichkeit, die Ausbreitung der Aviären Influenza nach einem Ausbruch zu begrenzen, ist die Impfung von Beständen, die noch nicht betroffen sind. Eine solche Maßnahme hat zwar den Vorteil, dass man eine Erkrankung der Tiere verhindern kann, diese aber trotzdem das Virus in sich tragen und Viren ausscheiden (silent virus carriers). Dies kann dann zu weiteren Infektionen führen, wenn z. B. Schadnager oder Personen in Kontakt mit den Exkrementen geraten. Darüber hinaus hat ein solcher Schritt wahrscheinlich weitreichende Auswirkungen auf die Exportmöglichkeiten. Zahlreiche Länder werden ihre Grenzen gegenüber Ausfuhren aus den SUA schließen, sobald die Impfung einsetzt. Deshalb lehnen viele Unternehmen im Bereich der Herstellung von Eiprodukten sowie Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe im Bereich der Geflügelfleischerzeugung die Impfung ab. Auch viele Veterinäre sprechen sich dagegen aus, weil sie nicht zur Ausrottung des Virus in einem betroffenen Gebiet führt. Trotz dieser Bedenken hat das USDA in der zweiten Jahreshälfte 2015 die Herstellung von 500 Mio. Impfdosen gegen H5-Stämme in Auftrag gegeben, dabei aber betont, dass dies keine Vorentscheidung für eine Impfung bei einem erneuten massiven Ausbruch sei.

 

Resümee

Die Ausbrüche der Aviären Influenza in großen Geflügelbeständen einiger Staaten im nördlichen Mittelwesten der USA haben gezeigt, dass selbst in einem hochentwickelten Industrieland kaum beherrschbare Probleme auftreten können, wenn keine hinreichenden Vorsorgemaßnahmen auf einzelbetrieblicher Ebene getroffen worden sind, um das Eindringen aggressiver Virenstämme zu verhindern. Überraschend ist, dass ganz offensichtlich die Aufsichtsbehörden auf der Ebene der Counties oder der Staaten nicht auf einen solchen Krisenfall vorbereitet waren, was dazu führte, dass sich das Virus binnen kürzester Zeit weiter ausbreiten konnte und zu hohen wirtschaftlichen Verlusten führte. Die Konsequenz aus den Erfahrungen sind verbesserte Hygienemaßnahmen auf einzelbetrieblicher Ebene und die Entwicklung von Strategiekonzepten, die in Zukunft solche massiven Ausbrüche verhindern sollen. Beim Auftreten der Aviären Influenza in Januar 2016 im Staat Indiana wurden die neuen Bekämpfungsstrategien angewendet und führten zu einer schnellen Eindämmung der Ausbrüche, so dass nur geringe wirtschaftliche Verluste auftraten. Eine Impfung benachbarter Bestände erfolgte nicht.

 

1 Der Verfasser ist Wissenschaftlicher Leiter des Wissenschafts- und Informationszentrums Nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING) der Universität Vechta


 

Literatur

Decision Innovation Solutions: Economic Impact of Highly Pathogenic Avian Influenza (HPAI) on Poultry in Iowa. Urbandale, Iowa 2015a.

Decision Innovation Solutions: Economic Impact of Highly Pathogenic Avian Influenza (HPAI) on Layers in the U. S. Urbandale, Iowa 2015b.

USDA APHIS (ed.): Epidemiologic and Other Analyses of HPAI-Affected Poultry Flocks. Washington, DC. July 15th, 2015a.

USDA, APHIS (2015b; Verfügung bzgl. des Einsatzes des ventilation shutdown):
https://www.aphis.usda.gov/animal_health/emergency_management/downloads/hpai/ventilationshutdownpolicy.pdf

USDA, Chickens and Eggs Annual Summary: http://usda.mannlib.cornell.edu/usda/current/ChickEgg/ChickEgg-02-25-2016.pdf.

USDA Chickens and Eggs:
http://www.usda.gov/nass/PUBS/TODAYRPT/ckeg0515.pdf.

USDA, FAS: Global Agricultural Trade Statistics. Washington, D. C. http://apps.fas.usda.gov/gats/default.aspx.

Windhorst, H.-W.: Aviäre Influenza in den USA. Aus den Erfahrungen lernen. In: Deutsche Geflügelwirtschaft und Schweineproduktion 67 (2015), Nr. 51, S. 3-4.

Weitere Informationen zu aktuellen Themen in der Geflügelwirtschaft finden Sie auf: www.wing-vechta.de

 

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