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20.10.2017

Umstellung auf käfiglose Legehennenhaltung in den USA gerät ins Stocken

Hans-Wilhelm Windhorst1

In mehreren vorangehenden Beiträgen hat der Verfasser über die laufende Umstellung der Haltungssysteme in den USA auf käfiglose Anlagen berichtet (vgl. DGS intern 2017 Nr. 19, 34, 36, 37). Dabei wurde bereits angedeutet, dass der Umstellungsprozess wahrscheinlich nicht in der Geschwindigkeit ablaufen wird, wie zu Beginn des Jahres 2016 von der Branchenorganisation United Egg Producers (UEP) prognostiziert. In mehreren Veröffentlichungen hatte der Verband vorausgesagt, dass auf der Grundlage der Erklärungen von 219 Lebensmittel-, Hotel- und Restaurantketten ab 2025 nur noch käfiglose Eier zu verkaufen bzw. zu verwenden, insgesamt etwa 224 Mio. Hennen benötigt würden, um den Bedarf von 61,8 Mrd. Eiern zu erzeugen. Das würde bedeuten, dass 2025 71,3 % der Legehennen in käfiglosen Anlagen eingestallt sein müssten.

Umstellung auf käfiglose Haltung – eine ökonomische Falle?

In einem Vortrag auf der Business Conference der International Egg Commission (IEC) in Brügge im September (vgl. DGS intern Nr. 40) hat sich der Verfasser sehr kritisch mit der Umstellung auf käfiglose Haltung in den USA auseinandergesetzt. Dabei berichtete er über die Ergebnisse eines Forschungsaufenthaltes in den USA im Juni und Juli. Er gab in seinem Referat das Statement ab, dass s. E. die Eierproduzenten in eine ökonomische Falle geraten seien, was zu hohen finanziellen Verlusten geführt hätte. Man habe sich zu sehr auf die Aussagen der UEP verlassen und nicht hinreichend die von den Lebensmittel- und Restaurantketten veröffentlichten Erklärungen unter die Lupe genommen. In diesen Erklärungen hätten die Unternehmen keine festen Angaben gemacht im Hinblick auf die zu welchem Zeitpunkt von ihnen benötigen Eier aus der käfiglosen Haltung. Außerdem hätte sich vor allem der Lebensmitteleinzelhandel eine Hintertür offen gehalten mit der Aussage, dass er die Menge und den Zeitpunkt der Abnahme von Eiern aus dieser Haltungsform vom Kaufverhalten der Konsumenten abhängig machen werde. In dem Vortrag wurde geschätzt, dass sich der Umrüstungsprozess wahrscheinlich deutlich verlangsamen werde und bis 2025 maximal 45 bis 50 % der Legehennen in käfiglosen Anlagen stehen würden, weil die Konsumenten wahrscheinlich nicht bereit seien, die deutlich höheren Eierpreise zu zahlen. Wie nicht anders zu erwarten, wurde der Vortrag in Brügge mit großem Interesse aufgenommen, von den US-amerikanischen Teilnehmern durchgängig als wahrscheinlich realistische Einschätzung der Situation bezeichnet.

Wie kam es zu dieser Situation?

Eiererzeugung und Marktnachfrage sind in den USA völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Im Gefolge der Ausbrüche der Aviären Influenza im Mittelwesten der USA im Sommer 2015, der insgesamt über 42 Mio. Legehennen zum Opfer fielen (hier sind die Präventivtötungen eingeschlossen), kam es zu einem drastischen Anstieg der Erlöse für die Produzenten. Zwischen August 2015 und August 2016 stiegen die durchschnittlichen Erlöse, die von den Produzenten pro Dutzend erzielt wurden, von 86 $-cents auf 205 $-cents an. Die Preise für die Verbraucher erhöhten sich von 198 $-cents/Dutzend auf 294 $-cents. Unternehmen, die nicht von dem Seuchenzug betroffen waren, erzielten hohe Gewinne und stockten ihre Bestände auf, um an dem Preisboom zu partizipieren. Gleichzeitig erfolgten wegen des prognostizierten Bedarfs an Eiern aus käfigloser Haltung zahlreiche Neubauten. Die Zahl der gehaltenen Legehennen stieg von 295,1 Mio. im Dezember 2015 auf 318,8 Mio. im Dezember 2016 an. Eier überfluteten den Markt, der nicht in der Lage war, diese Mengen zu kostendeckenden Preisen aufzunehmen. Da auch die Exporte nicht in dem Maße gesteigert werden konnten, brachen die Preise dramatisch ein. Im August 2016 erzielten die Eierproduzenten im Mittel nur noch einen Erlös von gut 39 $-cents/Dutzend. Eier aus käfiglosen Anlagen, die für etwa 95 $-cents erzeugt wurden, erreichten zumeist nur Preise von 58-60 $-cents. Die Eierproduzenten verloren Mio. von US-$. Das führende Unternehmen der USA, CalMaine mit Sitz in Jackson, Mississippi, gab in einer Presseerklärung bekannt, dass man in den beiden ersten Quartalen des Jahres 2017 insgesamt 72 Mio. $ Verluste eingefahren habe, die das Unternehmen dazu zwinge, die Strategie völlig zu verändern. Zwar geringer, aber auch unvertretbar hoch, dürften ebenfalls die Verluste in anderen führenden Unternehmen gewesen sein.

Die wirtschaftlichen Probleme waren also hausgemacht. Zum einen hatte man in der Euphorie der hohen Erlöse im Gefolge der AI-Ausbrüche die Bestände zu schnell aufgestockt, zum anderen hatte man die Prognosen der UEP kritiklos übernommen.

Da sich trotz deutlich reduzierter Bruteiereinlagen und Junghenneneinstallungen bislang noch kein Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Nachfrage eingestellt hat, blieb den Unternehmen nur die Möglichkeit, die Reißleine zu ziehen. Es zeichnet sich auch nicht ab, dass die Verbraucher kurzfristig bereit sein werden, die höheren Eierpreise zu zahlen. Im Mittelwesten der USA kosteten nach Aussagen des Wirtschaftsinformationsdienstes Bloomberg vom 13.10.2017 Eier aus käfiglosen Anlagen im Mittel 2,99 $/Dutzend, während Eier aus konventioneller Haltung z. T. für unter 40 cents/Dutzend angeboten wurden. Trotz z.T. anderslautender Erklärungen kauft der Konsument eben vorrangig nach dem Preis. Die Bereitschaft, Aspekte des Tierwohls zu honorieren, hält sich auch in den USA ganz offensichtlich in engen Grenzen.

Und wie geht es weiter?

Angesichts der vorliegenden Marktsituation überrascht es nicht, dass die beiden führenden Unternehmen in der US-amerikanischen Eiererzeugung, CalMaine und Rose Acre, am 2. bzw. 16.10. nahezu gleichlautende Pressemitteilungen veröffentlichten, in denen sie erklärten, dass sie zunächst jegliche Aktivitäten in der Umrüstung bzw. in die Neuerrichtung von käfiglosen Anlagen eingestellt hätten. Erst wenn wieder ein Marktgleichgewicht vorliege und Eier aus käfiglosen Anlagen ohne finanziellen Verlust im Markt untergebracht werden könnten, werde man wieder aktiv werden. Ob die geplanten Neuanlagen von Rose Acre in Arizona bzw. Indiana dann gebaut werden, wird auch davon abhängen, ob und wie die abnehmende Seite sich bezüglich der nachgefragten Mengen und Zeitpunkte äußern wird.

Bloomberg hat in der bereits erwähnten Meldung, die unter der Überschrift „Cheap eggs are ruining the cage-free movement“ lief, die Befürchtung geäußert, dass die Umstellung der Eiererzeugung auf käfiglose Anlagen um mehrere Jahre zurückgeworfen werde. Dieser Einschätzung kann zugestimmt werden, denn angesichts der niedrigen Eierpreise haben schon zahlreiche kleinere Produzenten aufgegeben. Die noch in der Produktion verbliebenen können auf Dauer die auflaufenden Verluste nicht verkraften, auf keinen Fall werden sie in der Lage sein, die Kosten der Umrüstung oder den Neubau von Anlagen zu finanzieren. Angesichts der prekären wirtschaftlichen Situation sind die Banken sehr zurückhaltend in der Gewährung von Krediten für solche Vorhaben. Nur dann, wenn längerfristige Abnahmeverträge zu kostendeckenden Preisen vorgelegt werden können, sind sie bereit Kredite zu gewähren. Dies wird den Konzentrationsprozess in der US-amerikanischen Eierwirtschaft in den kommenden Jahren weiter beschleunigen. Es ist auch nicht auszuschließen, dass selbst größere Unternehmen in finanzielle Bedrängnis bis hin zur Insolvenz geraten.

Wie ist der gegenwärtige Stand?

Nach Angaben des Egg Industry Center (Iowa State University in Ames) wurden im Juli 2017 42,1 Mio. Legehennen in käfiglosen Anlagen gehalten (vgl. Tabelle 1). Davon entfielen 14,6 Mio. auf Biobetriebe. Zusammen stellten sie 13,6 % der Legehennebestände der USA.

Tabelle 1:
Entwicklung der Legehennenbestände in käfiglosen Anlagen in den USA zwischen Januar 2016 und Juli 2017
(Quelle: Egg Industry Center)

 

Eine genauere Analyse der Zahlen zeigt, dass die Bestände in der Biohaltung zwischen Januar 2016 und Juli 2017 um 3,2 Mio. Hennen zugenommen haben. Die Anzahl der Hennen in käfiglosen Anlagen nahm insgesamt um 18,5 Mio. Hennen zu, davon allein zwischen Januar und Juli 2017 um 4,5 Mio. Hierin spiegelt sich die Inbetriebnahme der beiden Großfarmen in Bogata (Texas) und Bouse (Arizona) mit zusammen 4,2 Mio. Stallplätzen wider (vgl. DGS intern 2017, Nr. 34 und 36). Diese dynamische Entwicklung wird zunächst zum Stillstand kommen.

Die abnehmende Seite ist angesichts der vorliegenden Situation sehr zurückhaltend mit Stellungnahmen. Walmart und die Hotelkette Marriott haben bislang keine Statements abgegeben. McDonald teilte nur mit, dass man mit der Umstellung im Plan sei, was immer das auch bedeutet bei einer Abnahme von 2 Mrd. Eiern im Jahr.

Der Verfasser wird die Entwicklung weiterhin genau beobachten und darüber berichten.

 

 

1Autor:

Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst
Wissenschaftlicher Leiter des Wissenschafts- und Informationszentrums Nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING) der Universität Vechta

Tel.: 04441 15 348

 

 

 

 

Universität Vechta