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18.09.2017

Rote Vogelmilbe - Nachhaltigkeit - Haltungssysteme
- Herausforderungen an die globale Legehennenhaltung -

Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst

Ein Bericht von der Herbsttagung der International Egg Commission

Über 420 Teilnehmer aus 35 Ländern nahmen an der Global Leadership Conference der International Egg Commission teil, die vom 10. bis 14. September in Brügge stattfand. Drei Themen standen im Mittelpunkt der Vorträge und der Diskussion in den Plenarveranstaltungen.

Der Montag war Fragen der Veränderung im Konsumentenverhalten, der Steigerung der Effizienz in der Eiererzeugung und der Bekämpfung der Roten Vogelmilbe in der Legehennenhaltung gewidmet.

Peter Freedman (Managing Director, The Consumer Goods Forum) machte in seinem Einleitungsreferat deutlich, dass sich die Nahrungsmittelindustrie zahlreichen Herausforderungen gegenübersehe, weil es zu einschneidenden Veränderungen im Konsumentenverhalten gekommen sei. Es sei deutlich festzustellen, das vor allem die sogenannten Millennials (zwischen 1981 und 1997 geboren) und die Generation Z (zwischen 1998 und 2016 geboren) in ihrem Kaufverhalten stark von dem Aspekt „Was ist gut für die Welt?“ leiten ließen. Dabei spielten Fragen der Nachhaltigkeit und des Tierwohls eine wichtige Rolle. Diese Konsumenten seien an Informationen über Formen der Erzeugung, des Umgangs mit den Nutztieren, den Auswirkungen der gesamten Erzeugungskette auf die Umwelt und dem sozialen Engagement der Unternehmen interessiert (Corporate Social Responsibility). Ihre Hauptinformationsquelle seien die sozialen Medien. Hierauf müssten sich die Hersteller einstellen.

Am Nachmittag standen der Fipronil-Skandal in den Niederlanden und davon betroffenen Ländern sowie die Bekämpfung der Roten Vogelmilbe im Mittelpunkt von vier Vorträgen. Dabei stellte Eric Hubers (Vorsitzender von Ovoned, Niederlande) die Situation in den Niederlanden vor. Insgesamt seien 200 Eier erzeugende Betriebe betroffen, was etwa 20 % der Gesamtproduktion betreffe. Der bislang aufgetretene finanzielle Schaden werde auf 33 Mio. € beziffert. Doch werde er sich noch deutlich erhöhen, weil der Lebensmitteleinzelhandel und Unternehmen der Lebensmittelindustrie bereits Schadensersatzansprüche gestellt hätten. Sollten sie damit erfolgreich sein, werde es das Ende für zahlreiche Legehennenbetriebe sein. Der Ausfall von etwa 20 % der Erzeugung habe schon zu Engpässen in der Bereitstellung von Eiern für die Verarbeitungsindustrie und zurückgehenden Exporten von Schaleneiern geführt. Über den monetären Schaden hinaus, sei aber sicherlich der mit dem Fipronil-Skandal verbundene Imageverlust weitaus gravierender für das führende Exportland von Eiern.

Drei Folgevorträge beschäftigten sich anschließend mit der Biologie der Vogelmilbe, den von ihr verursachten Schäden und den Möglichkeiten ihrer Bekämpfung. Der weltweite Schaden, der durch diesen Parasiten verursacht wird, beträgt nach vorsichtigen Schätzungen pro Jahr etwa 3,2 Mrd. US-$. Dies macht verständlich, weshalb in mehreren länderübergreifenden Forschungsprojekten nach Methoden gesucht wird, die Rote Vogelmilbe erfolgreich zu bekämpfen. Zwar sei dies ausgesprochen schwierig, so Monique Mul (Universität Wageningen), doch könne durch ein dauerndes, sorgfältiges Monitoring der Bestände und der gesamten Produktionskette der Beginn einer Infektion erkannt und damit verheerende Ausbrüche vermieden werden.

Den abschließenden Vortrag am Montag hielt der ehemalige Ministerpräsident der Republik Irland, Jon Bruton, zur Zukunft der EU. Es war ein überzeugendes Bekenntnis zur EU als Zusammenschluss von Staaten unter einem einheitlichen und von allen Mitgliedsländern bestätigten Regelwerk mit dem Ziel, eine politische Stabilität und einen wirtschaftlichen Aufschwung zu sichern. Zwar sei die EU noch nicht vollkommen, doch gebe es keine sinnvolle Alternative. Sehr kritisch äußerte er sich zum Brexit und dem Versuch einiger osteuropäischer Länder, das beschlossene Regelwerk in Frage zu stellen, z. B. bei der Frage der Verteilung der Flüchtlinge.

Im Mittelpunkt des Dienstags standen die Situationsberichte zur Legehennenhaltung und Eierproduktion in zahlreichen Mitgliedsländern der IEC. Die Berichte machten deutlich, dass Veränderungen im Konsumentenverhalten, Fragen der Produktsicherheit, Vertrauen in die Unternehmen, die wachsende Bedeutung des Tierwohls, Maßnahmen zur Verbesserung der Nachhaltigkeit sowie der Bekämpfung der Aviären Influenza gemeinsame Herausforderungen sind. Es wurde aber auch erkennbar, dass nicht in allen Ländern der Übergang von der konventionellen Käfighaltung zu alternativen Haltungsformen, das Verbot des Schnabelkürzens von Legehennen und die Tötung männlicher Legeküken die primären Probleme sind. Zwar werden diese Aspekte auch in einigen Schwellen- und Entwicklungsländern ansatzweise diskutiert, doch stehen vor allem Fragen der Ernährungssicherung im Mittelpunkt.

Am Mittwochvormittag ging es um Haltungssysteme in der Legehennenhaltung. Peter van Horne (Universität Wageningen) trug in seinem Vortrag einen Vergleich zwischen den gegenwärtig eingesetzten Haltungssystemen im Hinblick auf ihre Nachhaltigkeit vor. Dabei machte er deutlich, dass der Begriff Nachhaltigkeit zunehmend verwässert werde. Es sei wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Begriff nicht eine für alle Zeit gültige Festlegung zum Inhalt habe, sondern zu verstehen sei als ein sich dynamisch veränderndes Konzept, das eine fortlaufende Verbesserung anstrebe. Weiterhin sei es wichtig, sich seiner Mehrdimensionalität bewusst zu sein. Er habe eine soziale, eine ökonomische und eine umweltbezogene Dimension. In seinem Vortrag konzentrierte er sich dann vor allem auf den ökonomischen Aspekt. Wenn man sich auf die Produktionskosten konzentriere, sei festzuhalten, dass ein Anstieg der Kosten von der konventionellen Käfighaltung zur Biohaltung vorliege. Betrachte man nur die Emissionen, dann erhöhe sich der sogenannte Fußabdruck (carbon footprint) ebenfalls mit zunehmender Extensivierung der Haltung. Andere Aspekte, z. B. Tierwohl oder die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten, würden zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Wolle man eine Rangliste festlegen, dann sei das unter Berücksichtigung aller Aspekte und der hinzukommenden regionalen Unterschiede nahezu unmöglich, weil je nach Betrachtungsweise sehr unterschiedliche Ergebnisse die Folge seien.

Der Donnerstag wies zwei Schwerpunkte auf. Laurence Bonafos (EU Commission) gab in ihrem Vortrag einen Situationsbericht zu den Strukturen der Eiererzeugung in der EU und zur Rolle der Mitgliedsländer im Handel mit Eiern innerhalb der EU und mit Drittländern. Sie machte deutlich, dass sowohl in der Erzeugung (7 Mitgliedsländer stellen 75 % der Eiererzeugung) als auch im Handel eine hohe Konzentration vorliegt. Dabei nehmen die Niederlande eine führende Rolle im Export ein, Deutschland ist das wichtigste Importland für Eier und Eiprodukte.

Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst (WING, Universität Vechta) stellte in seinem Vortrag „The EU egg industry in transition“ Ergebnisse seiner Studienreise in die USA vor (vgl. DGS intern Nr. 34, 35, 37/2017).

Tia Rains (Egg Nutrition Center, USA) präsentierte jüngste Forschungs-ergebnisse zur Bedeutung von Eiern in der menschlichen Ernährung, einem zweiten Schwerpunkt der Plenums-sitzung. Sie erklärte, dass die Frage des Einflusses des Eierverzehrs auf Herzerkrankungen dahingehend gelöst sei, dass negative Auswirkungen keinesfalls zu befürchten seien, wenn man regelmäßig Eier esse. Im Gegenteil hätten neuere Forschungen gezeigt, dass der Verzehr eher die Gefahr, einen Schlaganfall zu erleiden, verringere. Neue Erkenntnisse lägen auch hinsichtlich des Alters von Kleinkindern vor, ab dem Eier in die Nahrung aufgenommen werden könnten. Während man noch vor einigen Jahren davon ausgegangen sei, dass Eier vor der Vollendung des ersten Lebensjahres nicht in die Ernährung der Kinder einbezogen werden sollten, gehe man heute davon aus, dass ab dem 6. bis 9. Lebensmonat Eier ohne Bedenken verwendet werden könnten. Dies sei auch im Hinblick auf die Vermeidung einer Allergie gegen Eier von Bedeutung.

Der Nachmittag widmete sich in mehreren Vorträgen der Entwicklung der Geflügelproduktion und der Erzeugung von Eiprodukten. Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst stellte in einem weiteren Vortrag die wichtigsten Ergebnisse seiner Studie zur Globalisierung der Eier- und Geflügelfleischerzeugung vor. Es schlossen sich mehrere Berichte zur Situation der Eiproduktenindustrie in den einzelnen Kontinenten an.

Die Konferenz fand ihren Abschluss mit der Übergabe des Vorsitzes von Ben Dellaert (Niederlande) an Tim Lambert (Kanada). Tim Lambert ist Geschäftsführer des Verbandes „Egg Farmers of Canada“. Die nächsten Konferenzen der IEC werden im April 2018 in London und im September 2018 in Kyoto stattfinden.

 

 

 

 

 

 

 

Autor:

Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst
WING, Universität Vechta

Tel.: 04441 15 348

 

 

 

 

Universität Vechta