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02.05.2017

Eine Welt mit AI – Herausforderungen an die Geflügelwirtschaft

 Ein Bericht über die Jahrestagung der IEC in Monaco

Vom 1. bis 4. April 2017 fand die Business Conference der International Egg Commission (IEC) in Monaco statt. Ben Dellaert, amtierender Chairman, konnte 370 Teilnehmer aus 48 Ländern zur Tagung begrüßen.

Der eigentlichen Tagung ging die Auftaktveranstaltung des IEC Young Egg Leaders Programms voraus. Hier werden jeweils für ein Jahr sechs bis acht junge Nachwuchsführungskräfte zusammengezogen, um sie über die Arbeit der IEC zu informieren und ihnen einen Überblick über die Strukturen der globalen Eierwirtschaft zu vermitteln. Prof. Hans-Wilhelm Windhorst hielt den Einleitungsvortrag zum Thema: Patterns and dynamics of the global egg industry.

Im Mittelpunkt der Hauptkonferenz standen Themen, die Herausforderungen an die Eierwirtschaft in der ganzen Welt stellen. Besonders eingehend diskutiert wurde angesichts der großen Zahl der weltweiten Ausbrüche der Aviären Influenza (AI) die Frage, wie sich die Geflügelwirtschaft auf diese Situation einzustellen habe und wie sie in Zukunft mit dieser ständigen Bedrohung umgehen müsse. Dabei gehe es nicht nur um die unmittelbaren finanziellen Verluste, sondern auch um die Folgewirkungen durch Handelsbeschränkungen. Alejandro Thiermann (OIE, Paris) konnte an zahlreichen Karten und Übersichten die kritische Lage in vielen asiatischen und europäischen Ländern verdeutlichen. Sehr hohe Tierverluste traten bislang in Südkorea, Frankreich und Deutschland auf. Ein Überspringen auf Menschen hat in China zu etwa 140 Todesfällen geführt. Dabei ist die Infektion zumeist durch den Umgang mit infizierten Tieren auf den sogenannten „wet markets“, auf denen lebendes Geflügel verkauft wird, zurückzuführen. Die chinesische Regierung hat inzwischen die meisten dieser Märkte geschlossen. Da eine enge Beziehung zwischen den Zugbahnen der Wildvögel und den Erstinfektionen von Beständen offensichtlich sei, müsse man, so der Referent, über Freilandhaltungen und deren Risiko intensiv nachdenken. Das Risiko der Infektion von Freilandhaltungen sei sechszehnmal höher als das in geschlossenen Anlagen.

Prof. Ian Brown (England) ging der Frage nach, wovon das Überleben des AI-Virus in Stallanlagen und in der Umwelt abhänge. Es sei vor allem abhängig von der Effektivität der Desinfektion der Ställe, den klimatischen Bedingungen im Stall und vom Außenklima, der Lagerung der Einstreu, der präzisen Desinfektion verwendeter Geräte und auch der Art des jeweiligen Virus. Eine besondere Gefahr entstehe dann, wenn das von Wildvögeln eingeschleppte Virus auf heimische Vogelarten überspringe und in ihnen überlebe. Werde das Virus so endemisch, stelle es eine dauerhafte Bedrohung für die Bestände dar und verlange darauf ausgerichtete Maßnahmen zur Biosicherheit. Dr. Travis Schaal (HyLine, USA) berichtet über die inzwischen sehr strikten Regelungen zur Biosicherheit in US-amerikanischen Geflügelhaltungen nach den verheerenden Ausbrüchen im Jahr 2015. Offensichtlich hätten sie gewirkt, denn die 2017 auftretenden Ausbrüche habe man schnell in den Griff bekommen.

Einen zweiten Themenschwerpunkt bildeten Vorträge zur Produktentwicklung und Vermarktung. Prof. David Hughes vom Imperial College in London berichtete in seinem sehr anregenden Vortrag über globale Ernährungstrends. Eine bemerkenswerte Dynamik sei z. Z. in der Entwicklung von Lebensmitteln auf der Basis pflanzlicher Proteine (zumeist Erbsen als Basis) zu beobachten. Dies betreffe sowohl rein pflanzliche Produkte als auch Mischprodukte aus pflanzlichen und tierischen Proteinen (z. B. flexilious super sausages), mit denen man Flexitarier anspreche, also Personen, die je nach Situation als Vegetarier oder Fleischesser aufträten. Eine Reihe großer Lebensmittelkonzerne bringe inzwischen solche Lebensmittel auf den Markt. Mit den rein pflanzlichen Produkten sprächen sie gezielt Vegetarier und Veganer an, aber zunehmend auch Konsumenten, die ihren Fleischkonsum senken wollten. Eine weitere Entwicklung, die vor allem bei jungen Stadtbewohnern mit einem höheren Bildungsstand und hohem Einkommen zu beobachten sei, sei der Trend zu „more for less“ (mehr für weniger) als neuem Lifestyle. Hierbei gehe es um hochpreisige Produkte mit einem hohen Nährwert, aber in kleinen Portionen. Ersatzprodukte für Eier seien zwar z. Z. noch selten, aber es gebe schon Angebote von veganen Eiprodukten. Prof. Hughes bemängelte die weiterhin mangelhafte Präsentation von Eiern und Eiprodukten in europäischen und nordamerikanischen Supermärkten. Die Eierwirtschaft dürfte nicht verwundert sein über die weiterhin geringe Einschätzung von Eiern als Lebensmittel bei den Konsumenten. Am Beispiel asiatischer Lebensmittelketten zeigt er auf, wie eine erfolgreiche Darbietung aussehen könne.

Anne Alonso, die neue Geschäftsführerin des American Egg Board (AEB), das vor allem für die Vermarktungsstrategien zuständig ist, berichtete über neue Konzepte in der Verbreitung der Kenntnisse über das Lebensmittel Ei und dessen Vermarktung. Gerade die Millennium-Generation sei über die sozialen Medien zu erreichen. Man verwende dabei völlig neue Zugangswege, die sich als sehr erfolgreich erwiesen hätten. Außerdem habe man ein Projekt „multi-cultural opportunities“ entwickelt, mit denen man ganz besonders die Hispanics (Spanisch sprechende Einwohner mit Herkunft aus Mittel- und Südamerika) in ihrer eigenen Muttersprache und mit ihren spezifischen Ernährungsgewohnheiten anspreche. Einen dritten Schwerpunkt lege man auf die Entwicklung von Informationsmaterial für Lehrer und Schüler aller Schulstufen. Dies können kostenlos aus dem Internet heruntergeladen werden.

Ein inhaltlich sehr anspruchsvoller Themenblock befasste sich mit der Ernährung von Legehennen. Pauline Rutten (Hendrix Genetics, Niederlande) wies in ihrem Vortrag auf die Bedeutung der Futterzusammensetzung bei Junghennen vor Beginn der Legeperiode hin. Sie sei extrem wichtig, um eine optimale Entwicklung des Skeletts, des Gefieders, des Verdauungstraktes und des Legeapparates sicherzustellen. Eine neue Herausforderung für die Tierernährer sei das Ziel der Genetiker eine Legehenne mit einer Lebenslegeleistung von 500 Eiern zu züchten. Um Schalenqualität, Skelettstärke und Befiederung zu erhalten, bedürfe es neuer Fütterungssysteme.

Den Abschluss der Plenumssitzungen bildete eine Podiumsdiskussion mit vorangehenden Statements der Teilnehmer zu zukünftigen Haltungsformen in der Legehennenhaltung. Sie verlief für die meisten Delegierten aus der EU sehr enttäuschend, weil kein Teilnehmer aus der EU hinzugezogen worden war, der über Erfahrungen mit dem Verbot der Käfighaltung hätte berichten können. So dreht sich das Gespräch um die sich abzeichnende Regelung der OIE zur Legehennenhaltung, über die Kevin Lovell (Südafrika) und Prof. Joy Mench (USA) berichteten. Sie sind allerdings eher für die Entwicklungs- und Schwellenländer von Interesse als für Mitgliedsländer der EU. Chad Gregory, Präsident der United Egg Producers (USA), referierte über die Probleme der Umsetzung der Erklärung des Lebensmitteleinzelhandels und der wichtigsten Fastfood-Ketten, ab 2022 bzw. 2025 keine Eier aus Käfiganlagen mehr zu verwenden oder zu verkaufen. Über die z. Z. nahezu chaotische Situation wird der Berichterstatter in einer gesonderten Publikation informieren.

Neben den Plenumssitzungen fanden Sitzungen der drei wichtigsten Kommissionen (Vermarktung, Wirtschaft, Eiprodukte statt), in denen ebenfalls Vorträge gehalten wurden. Frau Désirée Heijne (WING, Vechta) berichtete im Marketing Committee über die Ergebnisse der Transparenzoffensive des WING unter dem Titel: Transparency creates trust (Transparenz schafft Vertrauen). Der Vortrag stieß insbesondere auch bzgl. des methodischen Ansatzes der Vor- und Nachbefragung anlässlich eines Stallbesuches auf großes Interesse.

In der Sitzung des Economics Committee sprach Prof. Windhorst (WING, Vechta) zum Thema: The EU egg industry in transition. Darin analysierte er im Detail die Auswirkungen des Käfighaltungsverbots in der EU auf die Entwicklung der Legehennenbestände, der Eierproduktion und des Eierhandels. Auch dieser Beitrag fand großen Zuspruch und wurde intensiv diskutiert, vor allem im Hinblick auf die vor der Umsetzung der Richtlinie von der Eierwirtschaft in der EU geäußerten Befürchtungen.

Für Mitglieder der IEC sind alle Vorträge der Konferenz im Internet abrufbar.

Die folgenden Konferenzen der IEC finden statt in Brügge (10. – 14. 9. 2017), London (8. – 10. 4 2018) und Kyoto (September 2018).

 

Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst
Wiss. Leiter
Wissenschafts- und Informationszentrum
Nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING)
Universität Vechta
hwindhorst@wing.uni-vechta.de

 

 

 

 


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